Jugendesskultur und Unterrichtspraxis
Essen als Unterrichtsgegenstand
„Was die gekocht haben, esse ich nicht!“- „Ich esse überhaupt gar nichts!“
- „Davon werde ich doch nicht satt!“
- „Wann kochen wir mal richtig viel Fleisch?“
- …
Weitere Beispiele fallen Lehrkräften, die mit Schülerinnen und Schülern in der Schulküche arbeiten, schnell ein. „Ökoburger“ stellen für diese Problematik ebenso wenig eine Lösung dar wie ein Unterricht, der auf gemeinsame und lehrreiche Esserlebnisse einfach verzichtet. Wie also soll mit dem Essen im hauswirtschaftlichen Unterricht umgegangen werden? Einige Antworten auf diese Fragen geben Jugendliche selbst. Deshalb werden im Folgenden auf den Spuren der Jugendesskultur erste Antworten gegeben, um daraus Impulse für eine Mahlzeitenkultur im Unterricht abzuleiten.
1. Altersphasentypisches Essverhalten
Jugendliches Essverhalten ist vielschichtig und begrenzt sich nicht – wie oft behauptet – auf den beobachtbaren Fast Food Konsum außer Haus. Ähnlich wie in anderen Altersgruppen wollen Jugendliche zu ihrer Peergroup gehören und sich dort positionieren, dazu grenzen sie sich gegenüber anderen Gruppierungen ab. Dieses in der Soziologie als Distinktion beschriebene Verhalten findet v. a. über Kleidung, Musikgeschmack etc. – und auch über Essverhalten und Körpervorstellungen statt.
Während der Jugendphase verfestigen sich geschlechtsstereotype Essverhaltensweisen, so zum Beispiel präferieren Jungen eher große Mengen und vor allem Fleisch, Mädchen essen eher zurückhaltend und neigen zu fleischarmen oder vegetarischen Kostformen. Auch wenn diese hier plakativ dargestellten Geschlechtsstereotypen nicht auf Einzelfälle zutreffen müssen, so bestimmen sie doch soziokulturelle Vorstellungen. Mit den weiblichen Verhaltensweisen sind Zurückhaltung und Disziplin assoziiert, mit den männlichen ungezügelter Genuss und Stärke. Beispiel: Isst ein Mädchen oder eine Frau ihre Portion nicht auf, so bietet sie bevorzugt ihrem Begleiter davon an und erwartet in aller Regel, dass er den Rest mit Freude zusätzlich zu seiner Portion aufisst.
Jugendliche suchen nach Identifikationsmöglichkeiten und orientieren sich an ihren Eltern, die nach wie vor die wichtigsten Vorbilder sind, aber auch außerhalb der Familie wie zum Beispiel in ihrer Peergroup. Ihre Offenheit für anderes kann Gefahren mit sich bringen, wie das Beispiel von Tabak- und Alkoholkonsum verdeutlichen. Ihre Offenheit bietet aber ebenso Chancen für gesundheitsförderliche Verhaltensweisen, so achten beispielsweise sportorientierte Jugendlichen bevorzugt auf eine gesundheitsförderliche Kost. Jugendliche sind neugierig, sie suchen nach Antworten auf ihre Fragen, die zum Beispiel Veränderungen ihres Körpers betreffen. Sachinformation wirken überzeugend, Ratschläge abschreckend, denn sie wollen selbstbestimmt über ihre Lebens(ess)weise entscheiden. Angemerkt sei, dass jugendliches Interesse an Essen und Bewegung häufig auf die Verbesserung des körperlichen Aussehens fokussiert ist.
• Träger und Gestalter der allgemeinen Esskultur
Jugendliche konnten aufgrund des historischen Wandels eine altersgruppenspezifische Esskultur entwickeln. Zugleich sind sie auch Träger des Wandels der allgemeinen Esskultur und fungieren überdies vielfach als Trendsetter für die Veränderungen in der Esskultur. Die in diesen Rollen gemachten Erfahrungen haben Einfluss zum Beispiel auf den jugendlichen Umgang mit Lebensmitteln als Konsumprodukte.
Das Lebensmittelangebot offeriert heute eine große Vielfalt v. a. an be- und verarbeiteten Lebensmitteln, die als Konsumprodukte vermarktet werden. Entsprechend bestimmen Lebensmittelkonsumprodukte die jugendlichen Erfahrungswelten.
Der damit einhergehende Entfremdungsprozess führt dazu, dass produktbezogenes Wissen (Preis, Haltbarkeit, Darbietungsform, Packungsgrößen, Werbebotschaften etc.) häufig das Wissen über Herkunft, Erntezeiten, Verarbeitungsprozesse, Kompetenzen zur Beurteilung von Lebensmittelqualität ebenso wie Zubereitungskompetenzen etc. ersetzt. Beispiel: Die Zubereitung eines Salates illustriert sowohl den zeitlichen Aufwand als auch die dazu notwendigen Kompetenzen. Halbfertigprodukte (geputzter und gewaschener Salat in der Tüte, Salatsoßen zum Anrühren) oder Fertigprodukte (Fertiges Dressing, fertige Salatzubereitungen) ersetzen häufig beides.
Jugendliche nutzen Lebensmittelprodukte entsprechend ihrer Eignung als ein Distinktionsmittel im Zusammenspiel mit dem gesamten Lebensstil. Beispiel: Unterwegs mit Freunden spielt es eher eine Rolle, ob und welche Chips gegessen werden. Zu Hause verzichten viele Jugendliche auf Knabbereien, da sie auf ihre Figur achten. In jedem Fall spielt im häuslichen Umfeld die Markenwahl eine eher unwichtige Rolle.
• Häusliches und außerhäusliches Essen
Der Stellenwert des Essens im häuslichen Umfeld ist höher als im Zusammensein mit Freunden und Gleichaltrigen. Zu Hause findet hauptsächlich die Ernährungsversorgung statt. Dabei können sich Jugendliche im Allgemeinen zurückziehen und sich regenerieren. Anders als zu Hause, essen Jugendliche unterwegs mit ihren Freunden meist nur nebenbei. Wichtig ist, dass sie sich zu ihrer Gruppe „dazugehörig fühlen“ und sich dort präsentieren können. Entsprechend spielen Lebensmittelprodukte mit hohem Symbolgehalt unterwegs mit Freunden eine größere Rolle als zu Hause. Festzustellen ist, dass Stellenwert des Essens und Essverhalten außer Haus nicht das häusliche Essverhalten determiniert und umgekehrt.
2. Warum gemeinsames Essen für die Fachpraxis unverzichtbar ist
Beim Essen in der alltäglichen Schulpraxis drängen meist die fehlende Unterrichtszeit und die noch zu erledigenden Aufräumarbeiten. Dennoch spricht vieles dafür, gemeinsames Essen als festen Unterrichtsbestandteil zu verstehen:
- Zubereitungsarbeit wird gewürdigt und
- erfährt dadurch eine Wertschätzung als Arbeit
- Bewertung der zubereiteten Speisen durch eine im Unterricht eingeführte Geschmacks- und Sinnesschulung fördert eine Geschmacksbildung, die über die persönliche Vorlieben hinausgeht
- Esserfahrungen können erweitert werden
- Essen trägt als soziale Lernsituation zum Aufbau einer Ess- und Tischkultur bei
- Zubereitung für andere fördert das Einhalten von Hygieneregeln
Ist das gemeinsame Esserlebnis ein Unterrichtsbestandteil, dann sind Rezepte unbedingt auch so zu wählen, dass für das gemeinschaftliche Essen ausreichende Unterrichtszeit eingeplant wird. Je nach Zielsetzung der Unterrichtsstunde kann beispielsweise eine Probiersituation oder eine Mahlzeitsituation arrangiert werden. Lehrende unterstreichen damit den Stellenwert des Essens als Teil ihres Lernarragements und grenzen sich dadurch auch klar vom Versorgungskochen einer Schulverpflegung ab.
• Essen im geschützten Raum
Anders als zu Hause werden Lernende im Unterricht von gleichaltrigen Jugendlichen beobachtet und erhalten durch deren Reaktionen ein Feedback. Anders als unterwegs in der Freundesgruppe legen Lehrende die Rahmenbedingungen fest, die eine „quasi häusliche“ Situation des Essens schaffen. Essen im Unterricht bietet Jugendlichen damit eine Chance im geschützten Raum Neues auszuprobieren und Esserfahrungen im Zusammensein mit Gleichaltrigen zu machen. Lehrende sind für die Rahmenbedingungen einer entspannten Essatmosphäre verantwortlich, die emotional positiv besetzte Esserlebnisse fördern. Dazu gehören Zeit, Organisation, Präsentation, Verkostung, Umgangston, Tischregeln etc.
• Hygiene ist wichtig!
Zu einer professionellen Zubereitungspraxis gehört die kompromisslose Durchsetzung von Hygieneregeln. Das bringt verschiedene Vorteile mit sich, z. B.
- Aufwertung der Zubereitungsarbeiten
- Jugendliche schlüpfen in eine „professionelle“ Rolle
- alles kann von jedem probiert werden
• „Jugendgerechte“ Lebensmittel- und Speisenauswahl
Lebensmittel eignen sich in unterschiedlichem Maße zur Markierung eines Lebensstils. Jugendzeit ist die Zeit, in der sich die jungen Menschen gesellschaftlich (neu) orientieren und sich in einer (Lebensstil-)Gruppe verorten. Der vielzitierte „Burger“ gilt im Allgemeinen als typisch für jugendkulturelle Essstile und hat hohen Symbolcharakter. Allein aus diesem Grund erscheint es ungeschickt, dem die „Erwachsenen-Version“ oder „Gesund-Variante“ entgegen zu setzen. „Symbolics“ wie der „Burger“ sind als Unterrichtsgegenstand für andere Themen geeignet als „Basics“ oder „Unis“; in jedem Fall erfordern sie ein sensibles Vorgehen, das die Lernenden in ihrer Rolle als Gestalter ihrer Esskultur respektiert. Um Konfliktsituationen und Abwehrhaltungen zu vermeiden, sollten alterstypische (subjektive) Bedeutungszuschreibungen bei der Lebensmittelauswahl bei der Unterrichtsplanung bedacht werden. Beispielsweise haben sich zur exemplarischen Erarbeitung von Kriterien zur Beurteilung von Lebensmittelqualität eher „Basics“ wie Obst und Gemüse mit einem geringen Symbolgehalt bewährt.
• Wahlfreiheiten lassen
(Nicht nur) für Jugendliche hat der Grad der Selbstbestimmung einen hohen Stellenwert. Entsprechend sollten in jeder Phase des Unterrichts an Möglichkeiten zur Mitgestaltung des Unterrichts gedacht werden. Bei Rezepten bestehen oftmals Alternativen zur Ausgestaltung, die in die Rezeptbesprechung einbezogen werden können und darüber hinaus oftmals zum Verständnis der Zubereitungsvorgänge beitragen. Beispiel: Welche Zutaten können in der Menge verändert oder ausgetauscht werden? Welche Zubereitungsschritte können in der Reihenfolge verändert werden, ausgelassen werden? Während des Essens ist es wichtig, dass Regeln, die vorher in der Lerngruppe erarbeitet oder besprochen wurden, gelten, die Freiräume und Grenzen festlegen. Beispielsweise: Jeder sollte alles probieren (sofern keine Nahrungsmittelallergie vorliegt). Portionsmengen sollten immer von den Jugendlichen selbst bestimmt werden dürfen. Hilfreich sind Orientierungspunkte des zeitlichen Ablaufs, zum Beispiel: Keiner isst, bevor das Gekochte nicht präsentiert und begutachtet ist.
• Präsentation ermöglicht Reflexion!
Eine Präsentation der Arbeitsergebnisse würdigt zum einen die Zubereitungsarbeiten der Lernenden und räumt zum anderen die Möglichkeit ein, genutzte Gestaltungsfreiräume zu kommentieren, über aufgetretene Schwierigkeiten und ihre dazu von den Lernenden gefundenen Lösungsmöglichkeiten zu sprechen.
Fazit:
Gemeinsame Esserlebnisse gehören zu jeder Fachpraxis. Zielleitend sollte die Intention sein, Esserfahrungen zu erweitern und esskulturelle Kompetenzen aufzubauen.
Weiterführende Informationen:
- Bartsch, S. (2008): Jugendesskultur: Bedeutungen des Essens für Jugendliche im Kontext Familie und Peergroup. In Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Reihe Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Band 30. Köln.
- www.jugendesskultur.de
Weitere Informationen finden Sie auch in den folgenden aid-Medien:
Mission Bodycheck - Teil 2: Essen & Trinken, Verdauung, Nährstoffe, Esskultur
(Didaktische DVD, Klasse 8 bis 11)
Food/News - Didaktisches Material
(CD-ROM)
Küchengeheimnissen auf der Spur
(CD-ROM)
(Heft)
(Medienpaket)
(Bilder: Dr. Silke Bartsch)
Autor:
Autorin: Dr. Silke Bartsch, Berlin; fachliche Beratung: Larissa Kessner, aid infodienst; Redaktion: Christof Meinhold, Köln (Stand August 2009)










