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Werbesprüche unter der Lupe - heute: Milchfrischprodukte

Saftige Werbesprüche auf Verpackungen im Milch-Regal sollen den Griff zum richtigen Produkt erleichtern. Doch welches Produkt ist das „Richtige“? Können „Vitality“- und „Sensitive“-Produkte wirklich mehr als der Rest? Ist „Mit der Süße von Früchten“ einfach gesünder?
„Vitality“ prangt groß auf einem Buttermilch-Drink, ein Joghurtbecher fordert auf „Schönheit“ zu „genießen“, ein Molke-Drink verspricht „erfrischend und regenerierend“ zu sein. – Mit immer gewagteren Werbe-aussagen versuchen die Hersteller von Milchprodukten die harte Kon-kurrenz aus dem Feld zu räumen. Hart für die schlichte „Buttermilch“ oder den unauffälligen Niedrigpreis-Joghurt, sich weiterhin im Regal zu behaupten. „Der muss doch schlechter sein.“ „Der kann doch nicht dieselben Inhaltsstoffe haben“, mag ein Käufer beim Anblick dieser Unterschiede denken.
Unter der Lupe
Was ist wirklich dran an den coolen Werbesprüchen? Lohnt sich der Kauf noch, wenn harte Fakten in punkto Inhalt gefragt sind? Einige Produktbeispiele sollen Klarheit in den Aussagen-Dschungel bringen:
1. „Mit der Süße von Früchten“, „Ohne Kristallzucker“
… heißt es auf einem Milchprodukt, das speziell für Kinder beworben wird. Auf den Online-Seiten des Herstellers erfährt man mehr. Statt Haushalts- oder Kristallzucker wurde ein Dicksaft aus Trauben zum Süßen eingesetzt. Haushaltszucker besteht – chemisch betrachtet – aus Traubenzucker und Fruchtzucker. Der verwendete Dicksaft enthält vor allem Wasser und als Zuckerarten „Traubenzucker und Fruchtzucker“. Lediglich die Art der Gewinnung unterscheidet sich also! Chemisch betrachtet, und damit auch von der Verwertung im menschlichen Körper her, dürften beide Süßungsarten sich im Körper gleich verhallten. Ganz nebenbei: Gegen Zucker ist aus ernährungsphysiologischer Sicht auch gar nichts einzuwenden. Wie heißt es so schön: „Alles eine Frage der Menge!“
2. „Vitality“
… prangt auf einem Buttermilch-Drink mit Frucht. Zu Recht, denn Buttermilch ist ein vitamin- und mineralstoffreiches Milchfrischprodukt, das von Natur aus wenig „Kalorien enthält“. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ist es also sehr wertvoll. Aber ist dieses Produkt nun besser als eine andere Frucht-Buttermilch?
Ein Blick auf die Zutatenliste zeigt, dass der Drink neben 70 % Buttermilch und einem Anteil Sauermolke verschiedene Fruchtsäfte und Pürees beinhaltet, außerdem typische Stoffe, die Geschmack und Konsistenz abrunden sollen (Aroma, Süßungsmittel, Verdickungsmittel, Säue-rungsmittel). Das Produkt ist sehr fettarm, das sind Buttermilch und Sauermolke aber generell.
Fazit: Das Produkt ist genauso „gesund“ und macht wahrscheinlich genauso viel oder wenig „vital“ wie eine andere Frucht-Buttermilch.
3. „Erfrischend und regenerierend“
… zu sein, nimmt ein Molke-Drink für sich in Anspruch. Er enthält Sauermolke, Wasser, verschiedene Fruchtsaftkonzentrate, Süßungsmittel und einige zugesetzte Vitamine.
Was daran wohl besonders erfrischend ist, stärker erfrischend als an-dere Milchfrischprodukte? Alle Milchfrischprodukte erfrischen irgendwie, wenn sie kühl getrunken werden, oder?
Regenerieren kann ebenfalls alles, was ich esse oder trinke, denn wenn ich schlapp bin, bringen mich etwas Flüssigkeit und Nährstoffe aller Art auf jeden Fall wieder hoch. Die Begriffe erscheinen bei näherer Betrachtung ganz schön beliebig eingesetzt. – „Könnten die ande-ren auch alle schreiben“, denkt man im Stillen.
4. Mit „Sensitive“ und „Schönheit genießen“
… macht ein Joghurt besonders von sich reden. „Sensitive“ heißt empfindsam, feinfühlig. Ob dieser Joghurt für besonders feinfühlige Men-schen geeignet ist? Ob er besonders feinfühlig macht?
Die Zutatenliste gibt es nicht preis. Sie zeigt, dass außer einem herkömmlichen „Joghurt mild“, der Kosmetik-Inhaltsstoff „Aloe Vera“ ent-halten ist. Der Slogan „Schönheit genießen“ suggeriert ein bisschen, man würde schöner werden, wenn man diesen Joghurt äße.
Die Innenseite der Packungsbanderole erzählt mehr über die Verbreitung von Aloe Vera, ohne dabei auf konkrete Auswirkungen auf den menschlichen Körper einzugehen. Liest man genau, wird der Zusammenhang zwischen der Zutat „Aloe Vera“ und einem Gewinn an Schönheit seitens des Herstellers gar nicht hergestellt.
Sauermilchprodukte sind generell gesund und fördern eine günstige Bakterienbesiedlung im Darm („Darmflora“), sie liefern wichtige Nährstoffe, unter anderem für die Haut. Jeder Joghurt, auch der ganz einfache oder preiswerte, macht also schön, wenn man so will!
5. Als „Fitness“ Molke
… preist sich ein Molke-Saft-Mixgetränk an. Außer Süßmolke und Fruchtsaft sind einige Pflanzenextrakte und die üblichen Zutaten für die richtige Konsistenz und Süße enthalten. Molke macht fit, wenn man bedenkt, dass sie vitamin- und mineralstoffreich ist, ein wenig hochwer-tiges Molkeneiweiß liefert und auch etwas Milchzucker, um den Blutzu-ckerspiegel zum Ansteigen zu bringen. Aber das tut wirklich jede Molke! Die Pflanzenextrakte werden laut Herstellerangabe lediglich für die Farbe eingesetzt. Ihr Mengenanteil dürfte unter 1 Prozent liegen, weil sie auf der Zutatenliste noch weit hinter Maracujasaftkonzentrat mit 1,5 % liegen. „Trink das Molke-Getränk, das dir schmeckt!“, lautet die nüchterne Konsequenz.
6. „Von ausgewählten Bauernhöfen“
… stammt die Milch für ein eher höherpreisiges Milch-Getränk. Scha-de, dass man nichts über die konkreten Auswahlkriterien erfährt. Jeder Landwirt, der Milch herstellt und an die Molkerei liefert, muss strenge gesetzliche Auflagen erfüllen. „Sorgfältig zubereitet“, steht außerdem auf der Verpackung. Das wird nun wohl wirklich jeder Hersteller von Milchprodukten für sich beanspruchen! Beide Aussagen klingen schön und sagen wenig Konkretes aus. Keine Frage, dass es sich dennoch um ein hochwertiges Produkt handelt, aber das sind andere Milch-Getränke auch.
Das ultimative Fazit
Das Ergebnis ingesamt: Die angesprochenen Produktpackungen sparen nicht mit schön klingenden Aussagen. Dem Faktentest halten sie alle nicht stand. Oder andersherum formuliert: Die Hersteller sprechen eigentlich nur besonders laut aus, was alle Milchfrischprodukte können: mit ihren Inhaltsstoffen einen wichtigen Beitrag zu einer ausgewogenen Ernährung leisten.
Noch etwas schält sich glasklar heraus: Die nackte Wahrheit offenbart nur die Zutatenliste. Sie verrät dir, nach enthaltener Menge in absteigender Reihenfolge aufgelistet, was wirklich drin ist. So kannst du vergleichen. Und kaufen, was dir schmeckt und was du dir leisten möch-test.
Mehr Infos
Nähere Informationen zur Lebensmittelkennzeichnung findest du
beim aid infodienst in der Rubrik Verbraucherschutz/Kennzeichnung:
Im Online-Ernährungsportal www.was-wir-essen.de in der Rubrik Einkauf und Kennzeichnung:
und in der Rubrik Lebensmittel von A bis Z:
Kritische Informationen zur Lebensmittelwerbung liefern die Verbraucherzentralen, z. B. unter
Weitere Informationen findest du auch in den folgenden aid-Medien:
(Heft)
(Bilder: aid infodienst, www.photocase.com, 5 am Tag)
Autor:
Stephanie Wetzel, Berlin; Redaktion: Christof Meinhold, Köln (Oktober 2006)








