Ich mag Gemüse, meine Freunde mögen Pizza
Wie du deine Freunde für gesundes Essen gewinnst

Du bist ein echter Fan von gesundem
Essen. Du isst gern Salat, Gemüse, Joghurt, wenig Fleisch, vielleicht bist du sogar Vegetarier. Dein Freund oder deine Freunde spielen da überhaupt nicht mit. Sie wollen immer nur Fast Food oder immer nur das Gleiche essen: Döner, Pizza, Burger. Das geht dir auf die Nerven. Das möchtest du ändern.
Flo ist Vegetarier, Anna nicht
Florian ist 18 und seit zwei Jahren Vegetarier. Er hat angefangen, selbst zu kochen, es macht ihm Spaß. Seine Freundin Anna hat ganz andere Vorlieben. Sie isst gerne Fleisch, außerdem hat sie überhaupt keine Lust zu kochen. Sie schiebt sich am liebsten eine Pizza in den Ofen. Das findet Flo langweilig. Außerdem klagt Anna immer darüber, dass sie zu dick ist. Flo findet das zwar nicht, aber er denkt dann im Stillen: „Selbst schuld, Anna, wenn du mehr Gemüse essen würdest, hättest du das Problem jedenfalls nicht.“
Warum essen Menschen, was sie essen?
Kennst du das? Du hast Bock auf einen Salat. Dein Freund will schon wieder ’ne Pizza bestellen. Er mag einfach nichts anderes, sagt er. Du findest „gesunde Sachen“ super, du möchtest ihn überzeugen?
Um das zu schaffen, nutzt es dir, mehr darüber zu wissen, warum Menschen essen, was sie mit ihren Vorlieben in punkto Essen und Trinken ausdrücken. Warum will manch einer immer das Gleiche essen? Warum ist er nicht neugierig auf Neues? Warum verweigert er oder sie gerade Gesundes besonders konsequent?
Das Vertraute ist sicher
Immer das Gleiche zu essen, vermittelt Sicherheit. Der gute Geschmack ist der vertraute Geschmack. Ein Erklärungsmodell setzt bei der Menschheitsgeschichte an: In der Wildnis von einer unbekannten Pflanze zu kosten, stellte ein hohes Sicherheitsrisiko dar. Sie konnte ja giftig sein! Aß man etwas Vertrautes, konnte man eher darauf vertrau-en, dass man es ohne Schaden vertragen würde.
Essen ist Typ-Sache
Neugierig zu sein auf Neues, Unbekanntes, ist auch eine Typ-Frage. Manche Menschen sind sehr experimentierfreudig, sie suchen ständig nach neuen Erfahrungen, andere sind eher Gewohnheitstiere. Sie fühlen sich am wohlsten, wenn immer alles gleich abläuft und bekannt ist – und schmeckt.
Gutes Essen, schlechtes Image
Die Haltung gegenüber typischerweise Gesundem, also gegenüber Obst, Gemüse, fettarmen Milchprodukten, vegetarischen Gerichten, ist in Teilen der Bevölkerung zwiespältig. Obwohl diese Lebensmittel bzw. Speisen als gut und gesund gelten, ist die Neigung, sie tatsächlich zu essen, zum Teil gering ausgeprägt.
Das ewige Drängeln der Erwachsenen, doch jetzt etwas gemeinhin als gesund Geltendes zu essen, führt nicht gerade dazu, Obst und Gemü-se bei Heranwachsenden beliebter zu machen.
„Iss das, das ist gesund“, sagen Eltern ihren Kindern. Damit vermitteln sie unbewusst die Botschaft, dass bestimmte Lebensmittel gegessen werden sollen, nicht etwa, weil sie besonders gut schmecken, sondern weil sie besonders gesund sind. Dadurch wird das Gesunde nicht ge-rade attraktiv. Wer will schon etwas essen, „nur“ weil es gesund ist? Der unmittelbare Genuss zählt als Essmotiv bei Menschen deutlich mehr.
Der Reiz des Verbotenen, Knappen
Der Mensch reagiert paradox: Beliebt ist, was knapp ist, was immer verknappt wird und das sind zum Beispiel Süßigkeiten, Pommes. Sie bekommen geradezu den Reiz des Verbotenen, weil um ihren Konsum – zumindest als Kind – immer gekämpft und gebettelt werden muss. Dass, was man immer essen soll, verliert eher an Reiz.
Wenn für das Gesunde wirklich immer so viel Überzeugungsarbeit nö-tig ist, könnte man annehmen, dass das Gesunde Menschen einfach nicht schmeckt. Das ist aber nicht grundsätzlich so.
Alles eine Frage der Gewohnheit
Schmecken tut, was bekannt ist, was gewohnheitsmäßig immer wieder gegessen wird. Für den Japaner ist das die Miso-Suppe, für den Italie-ner ist es der Espresso am Morgen, für den Deutschen das 6-Minuten-Frühstücksei.
Wenn deine Freundin also aus einer Familie kommt, in der Gemüse etwas war, was man immer nur aus Vernunft essen sollte, aber eigentlich keiner wollte, dann ist es kein Wunder, dass sie es ablehnt. Oder kommen deine Freundin, dein Freund oder gleich mehrere Freunde aus Familien, in denen typischerweise als gesund geltende Lebensmit-tel gar nicht angeboten wurden? Dann ist es ebenfalls nicht erstaunlich, dass sie Gemüse und Co. aus dem Weg gehen. „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht!“ – Diese hausbackene Regel gilt beim Essen besonders.
Emotionale Botschaften beim Essen
Beim Essen ist viel Psychologie im Spiel. Indem Menschen essen oder verweigern, zu essen oder etwas ganz Bestimmtes nicht essen, drü-cken sie unterschiedlichste Botschaften aus. Sie machen das nicht einmal bewusst. Mit Essen oder Nicht-Essen oder Etwas-Bestimmtes-nicht-essen möchten sie möglicherweise:
- die Aufmerksamkeit anderer auf sich ziehen („Wenn ich nicht esse, machst du dir Sorgen um mich“),
- zeigen, wer sie sind („Ich bin anders als du, und so zeige ich es dir“),
- Respekt einfordern („Ich bin anders als du und du hast das zu akzeptieren“),
- sich vom Kind-sein abgrenzen, ihre Identität als Jugendlicher ausdrücken („Ich esse jetzt anders, als meine Eltern es immer von mir wollten, ich bin ja auch kein Kind mehr“),
- sich bestimmten Freunden nahe fühlen („Ich esse, was meine Freunde essen, wir essen zusammen“) oder
- ihre Geschlechtlichkeit demonstrieren (Mädchen definieren sich eher über’s Wenig- und Salat-essen, Jungen über’s Salat-ablehnen und Fleisch-favorisieren (siehe auch den Beitrag „Warum knabbern Mädchen Salat, wollen Jungs Fleisch?“ auf diesen Seiten).
Hinter dem einfachen Vorgang „Essen“ können also viele Botschaften stecken. Da ist es kein Wunder, dass man in Bezug auf ein bestimmtes Essen auch einmal verschiedene Dinge möchte.
Überfluss macht wählerisch
In Zeiten des überreichlichen Angebots an Lebensmitteln, in denen au-ßerdem Individualität groß geschrieben wird, entwickelt jeder andere Vorlieben. Das macht es noch schwerer, beim Essen auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
Erfolg mit Psychologie
Dennoch, sechs psychologische Tricks helfen dir, andere einer gesun-den Ernährung mit Gemüse, Obst, fettarmen Produken und frisch zu-bereiteten Gerichten etwas näher zu bringen.
Trick 1: Mach einfach weiter.
Steh zu deinen Vorlieben. Iss Gemüse, bestehe darauf, ab und zu etwas gemeinsam selbst zu kochen. Da deine Freunde dich mögen, lässt deine Haltung gegenüber dem Essen sie auf Dauer nicht kalt. Sie werden vielleicht Witze darüber reißen, aber insgeheim finden sie es doch irgendwie cool, dass du so unbeirrt deinen eigenen Weg gehst. Irgendwann werden sie anfangen, mit dir darüber in ein ernsthaftes Gespräch zu kommen. Sie wollen dann wissen, warum du das machst und welche Vorteile du davon für dich persönlich verspürst.
Trick 2: Respektiere auch die Haltung deiner Freunde.
Respektiere, dass sie andere Prioritäten haben als du, dass ihnen
Essen vielleicht weniger wichtig ist, andere Dinge aber sehr wohl. Sprecht einmal darüber, was euch – jeweils individuell – wichtig ist.
Trick 3: Lade sie einmal zu einem schönen Essen ein,
koche für sie, decke den Tisch schön, verwöhne deine Freunde. Allein aus Höflichkeit können sie jetzt schlecht nur an deinem Essen herummäkeln. Sie werden dir sicher auch ein Kompliment machen wollen, vielleicht sogar dazu, dass es doch gar nicht so schlecht geschmeckt hat.
Trick 4: Werde zum Experten über Ernährung, aber belehre nicht ungefragt.
Wenn du dich viel mit Ernährung beschäftigst, weißt du bald eine Menge darüber. Das wird über kurz oder lang dazu führen, dass dich deine Freundin, deine Freunde einmal zu diesem Thema um Rat fra-en. Sie bewundern zum Beispiel, dass du, anders als sie, keine Ge-wichtsprobleme hast und wollen Ess-Tipps von dir. Oder sie wollen muskulöser aussehen und möchten deshalb an ihrer Ernährung feilen. Das ist deine Chance, jetzt kannst du ihnen Tipps geben, die sie zu einer besseren Ernährung führen. Berate sie aber nur so weit, wie sie wirklich selbst etwas wissen wollen.
Trick 5: Lobe deine Freunde. 
Wenn sie beim Einkaufen oder bei der Wahl des Imbisses deine Vorlieben mit berücksichtigen, wenn sie dein Essen probieren, obwohl es nicht ihrem Ernährungsstil entspricht, sage ihnen, dass du ihre Offenheit und Rücksichtnahme sehr schätzt.
Trick 6: Habe einen langen Atem.
Menschen sind Gewohnheitstiere. Die meisten gewöhnen sich nur langsam an eine Veränderung. Iss weiter, wie du es für richtig hältst, lass deine Freunde daran teilhaben, mitessen. Lass sie deine Sachen immer wieder probieren. Wer dich mag, wird sich auf Dauer auch für deine Art zu essen wenigstens
etwas interessieren.
Mehr Infos:
- In dem pdf-Dokument Ernährungsstile im Alltag - Ergebnisse einer repräsentativen Untersuchung findest du eine Typologie verschiedener Ernährungsstile.
- Einen Beitrag „Motivation zu gesunder Ernährung“ kannst du bei der Justus-Liebig-Universität Giessen im Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaft kostenlos downloaden.
Weitere Informationen findest du auch in den folgenden aid-Medien:
(Heft)
(Heft)
(Unterrichtsmaterial, Sek I)
(Bilder: aid infodienst, www.photocase.com)
Autor:
Stephanie Wetzel, Berlin; Redaktion: Christof Meinhold, Köln (November 2006)









