Adipositas bei Kindern – ein gesellschaftliches Problem
Neueste epidemiologische Daten benennen Risikofaktoren für Übergewicht

Bildquelle:
(c) DAK
DGEM - NEWSLETTER April 2011Zu viel Fernsehen, geringe Bildung und Rauchen der Eltern machen Kinder nicht zwangsläufig dick, doch die Gefahr für Übergewicht steigt messbar an. Mit Hilfe des Verbundprojektes „PreVENT“ ist es gelungen, Risikofaktoren für Adipositas und Übergewicht für Kinder und Jugendliche zu benennen und zu quantifizieren. Dafür werteten mehrere deutsche Forschergruppen unter der Leitung von Prof. Manfred J. Müller von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Daten von über 34.000 Kindern und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren aus vier großen epidemiologischen Studien aus. Das Projekt wurde im Rahmen des Kompetenznetzes Adipositas vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und weist damit den größten verfügbaren wissenschaftlichen Pool deutscher und europäischer Daten auf. Es kann dadurch verlässliche Aussagen über das Auftreten von Übergewicht, mögliche Risikofaktoren und Ansatzpunkte für Präventionsstrategien treffen.
Als Ergebnis von PreVENT halten die Forscher fest, dass die größte Rolle für die Entstehung von Adipositas bei Kindern der soziale Status (höheres Risiko bei Alleinerziehenden, Familien mit Migrationshintergrund oder niedrigem Bildungsniveau) und das Übergewicht der Eltern spielen. So haben Kinder adipöser Eltern ein 300 Prozent höheres Risiko für Übergewicht als Gleichaltrige, deren Vater und Mutter normalgewichtig sind. Kinder und Jugendliche von Eltern mit geringer Bildung sind ungefähr 30 Prozent häufiger dick. „Diese Faktoren sind jedoch durch Präventionsprogramme für Kinder nicht direkt beeinflussbar“, so Müller. Als veränderbare Stellgrößen sind hingegen Ernährung, Bewegung, Psyche und Medienkonsum der Kinder zu nennen. So haben laut „PreVENT“ der Medienkonsum und die damit verbundene Inaktivität innerhalb der variablen Faktoren den größten messbaren Einfluss auf die Entwicklung von Übergewicht. Würden beispielsweise 30 Prozent der Kinder, die mehr als drei Stunden am Tag Fernsehen schauen, ihren Konsum auf eine Stunde begrenzen, so könnte der Anteil übergewichtiger Kinder in Deutschland alleine durch diese Maßnahme von 15 auf 13 Prozent gesenkt werden. Laut Studie ist der Anteil der Adipositas in Deutschland hoch: Rund neun Prozent der Kinder und Jugendlichen sind als übergewichtig einzustufen, weitere sechs Prozent sind adipös. Der Anteil der Adipositas nimmt mit dem Alter zu und ist im Jugendalter leicht rückläufig. Zudem spielen Rauchen und eine hohe Gewichtszunahme während der Schwangerschaft eine große Rolle, später an Adipositas zu erkranken. Wichtig sind sehr frühe Präventionsstrategien, um Risikofaktoren bereits im Mutterleib zu beeinflussen.
Veränderbare“ Risikofaktoren für Übergewicht im Kindes- und Jugendalter:
- Rauchen der Eltern: 30 Prozent höheres Risiko verglichen mit Kindern und Jugendlichen deren Eltern nicht rauchen
- Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft: 40 Prozent höheres Risiko im Vergleich zu Kindern und Jugendlichen, deren Mutter in der Schwangerschaft nicht geraucht hat
- Hohe Gewichtszunahme (=17 kg und mehr) der Mutter in der Schwangerschaft: 13 Prozent höheres Risiko im Vergleich zu Kindern und Jugendlichen von Müttern mit normaler Gewichtszunahme (12 bis 16 kg)
- Hohes Geburtsgewicht (=4030 g und mehr bei Jungen, 3890 g und mehr bei Mädchen): 45 Prozent höheres Risiko als Kinder und Jugendliche mit normalem Geburtsgewicht (= 2740 bis <4030 g bei Jungen, 2710 bis <3890 g bei Mädchen)
- Medienzeiten (Fernseh- und Computerzeit) von einer Stunde pro Tag und mehr: 30 bis 80 Prozent (30 Prozent bei 1 bis 3 Stunden; 80 Prozent bei 3 Stunden und mehr) erhöhtes Risiko im Vergleich zu Kindern und Jugendlichen mit weniger als einer Stunde pro Tag.
Basierend auf den Studienergebnissen befragten die Forscher im zweiten Schritt rund 360 Vertreter aus den Bereichen Krankenkassen, Politik, Bildungswesen und Medien, welche konkreten Maßnahmen sich aus den erhobenen Daten ableiten.
Ergebnisse der Befragung:
Die derzeitigen Präventionsprogramme können das gesellschaftliche Problem der Adipositas nicht lösen.
Die stärksten Einflussfaktoren auf Übergewicht (sozialer Status, Übergewicht der Eltern) lassen sich nicht einfach durch Interventionen im klassischen Sinne beheben.
Machbar sind Programme, die derzeit auf verschiedenen Ebenen (Bund, Länder und Kommunen) laufen.
Eine Perspektive, den ungesunden Trend zu stoppen, besteht nur in einem systemischen Ansatz: Eine neue Wertediskussion (welche Rolle soll Gesundheit in der Gesellschaft spielen?) und auch die Frage nach mehr Bildung – insbesondere für die soziale Unterschicht – sollte sich hieran anschließen.
Quelle:
Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin, Newsletter April 2011 vom 20.04.2011
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