Warum knabbern Mädchen Salat, wollen Jungs Fleisch?
Über’s Essen drückst du dein Geschlecht aus

Schon mal beobachtet? Ein Mädchen knabbert zwei Stunden an einem Salatblatt, in der Zeit hast du als Junge schon zwei Hamburger verdrückt. Mädchen machen Diät, um schlank zu sein, Jungs ist das eher egal. Warum sind Mädchen und Jungen so verschieden – auch beim Essen?
Weiblichkeit oder Männlichkeit wird gelebt
Umfragen zeigen: Frauen achten auf frische Produkte, viel Obst und Gemüse und weniger Fettes, wenn sie Lebensmittel auswählen. Sie essen vorsichtig und halten häufiger Diät. Männer stehen weniger auf Obst und Gemüse, sie ziehen Fleisch vor. Und sie trinken deutlich mehr Alkohol. Warum das so ist? Die Geschlechterforschung sagt dazu:
Frauen und Männer, Mädchen und Jungs drücken ihr Geschlecht, also ihre Weiblichkeit oder ihre Männlichkeit aus über’s Essen.
Geschlecht ist nicht nur etwas von der Natur vorgegebenes, was einfach da ist. Geschlecht muss man tun, damit man es selbst wahrnimmt und damit auch die anderen Menschen um einen herum es bemerken.
Menschen wollen sich als weiblich oder männlich einordnen
Menschen wollen sowohl sich selbst als Frau oder Mann 
definieren, sie wollen aber auch das Verhalten der Personen um sie herum als eher weiblich oder eher männlich einordnen. Weiblich-sein oder Männlich-sein ist etwas, das fortlaufend gelebt werden muss.
Über’s Essen Weiblichkeit oder Männlichkeit zu leben, ist besonders wirkungsvoll, sagen Forscher, weil das, was man isst, direkt Auswirkung auf den weiblichen oder männlichen Körper hat. Man bleibt zart – zum Beispiel wenn man viel Gemüse isst – oder wird eher kräftig – durch mehr Fleisch und fettreiche Lebensmittel.
Grillen ist männlich
Die Ernährungssoziologin Dr. Monika Setzwein erklärt: Zurückhaltung beim Essen wird von anderen eher als weibliches Verhalten gewertet, große Nahrungsmittelmengen zu vertilgen oder schnell zu essen, eher als männliches Verhalten. Das kräftige Beißen in eine Schweinshaxe wird als „unweiblich“ oder eher männlich aufgefasst.
Auch einzelne Gerichte oder Zubereitungsarten haben ein weibliches oder männliches Image: Es gibt das „Holzfällersteak“ und die „Madeleines“ (feinen Törtchen). Mit dem Grillen im Freien leben Männer auch ihre Männlichkeit, erklärt Setzwein.
Stehen bei dir und deinen Freunden auch immer nur die Männer oder Jungs am Grill? Oder gibt es Mädchen, die für alle das Grillfleisch aus dem Feuer holen? Diskutiere das Thema mit deinen Freunden oder in
deiner Klasse!
Einzelne Lebensmittel, Verhaltensweisen oder die Umgebung, in der sie gelebt werden, sind also keineswegs neutral. Sie drücken auch immer ein Geschlecht aus, werden als eher männlich oder eher weiblich von Menschen wahrgenommen.
Maß halten ist typisch weiblich
In Experimenten hat man festgestellt, dass eine Frau, die im Rahmen einer Mahlzeit wenig isst, weiblicher erlebt wird, als wenn sie ordentlich zulangt. Sie erscheint sogar attraktiver, besser aussehend und gefühlsbetonter. Auch wenn man solche Ergebnisse nicht überbewerten sollte – hört sich ungerecht an, oder?
In Umfragen stellt man immer wieder fest: Frauen interessieren sich mehr für
das Thema Ernährung. Essen ist für sie aber oft mit zwiespältigen Gefühlen verbunden. Einerseits macht es ihnen Spaß, andererseits könnte es „dick“ machen, wenn man zuviel isst. Mädchen verbinden mit dem Thema Essen auch Ängste. Sie wünschen sich, ihr Essverhalten besser kontrollieren zu können. Männer setzen sich eher über Ernährungsempfehlungen hinweg. Sie wollen überhaupt wenig Angst zeigen. „Ich esse, was mir schmeckt“, ist von Jungs besonders häufig zu hören.
Mädchen werden beim Essen gebremst
Daran ist möglicherweise auch die Erziehung zu Hause schuld. Sie fördert den Jungen eher als „lustbetonten Esser“, während ein Mädchen mit gutem Appetit eher reglementiert wird. Wenn Appetitlosigkeit von der Umwelt mit weiblicher Attraktivität in Verbindung gebracht wird, fällt es Mädchen schwer, genussvoll den eigenen Essvorlieben nachzugehen, warnen Experten. Ein lustbetontes Essen wird dann schnell von Schuld- oder Versagensgefühlen gefolgt. Letztere wiederum werden ebenfalls mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht.
Pfeif auf die Klischees
Wie machst du das Beste aus diesem Wissen um die Geschlechter? Sei dir bewusst: Was als weiblich oder als männlich gilt, sind ja nur Klischees! Nimm es nicht so wichtig. Schau lieber, was du persönlich gerne isst und tust, egal, ob andere es als „Weiberkram“ für einen Jungen oder „unweiblich“ für ein Mädchen abwerten. Essen ist ein Feld, auf dem du Unabhängigkeit von der Meinung anderer zeigen kannst.
Macht es dir Spaß, richtig ’reinzuhauen beim Essen, egal, ob du Mädchen oder Junge bist? Dann tue es. Isst du als Mädchen gerne Fleisch? Grillst du gerne? Dann lass dich nicht von Typen davon abhalten.
Kochen ist sexy
Magst du als Junge gern Salat? Kannst du kochen? Dann lass dir bloß nicht einreden, das sei unmännlich. Frauen finden schlanke Männer attraktiv. Mit einem selbst gekochten Gericht kannst du Mädchen sogar schwer beeindrucken.
Mädchen wollen schlank oder sehr schlank sein, Jungs eher muskulös. Aber auch dieses Schönheitsideal kann man hinterfragen. Willst du etwa aussehen wie alle (wollen)? Sind ein paar Rundungen, eine große Nase und ein schiefer Zahn nicht viel interessanter?
Red’ mit anderen darüber
Diskutier’ das Thema in deiner Klasse: Was gilt bei euch als typisch weiblich? Was ist typisch männlich? In welchen Bereichen willst du typisch weiblich oder männlich sein, in welchen aber auch nicht?
Weitere Infos:
Material für eine Hausarbeit oder ein Referat zu diesem Thema findest du auf den Internetseiten des GenderKompetenzZentrums.
Wie du dein eignes Essverhalten beobachten und verbessern kannst, erfährst du mit:
(Unterrichtsmaterial, Sek. I)
(Fotos: aid infodienst, www.photocase.com)
Autor:
Stephanie Wetzel, Berlin; Redaktion: Christof Meinhold, Köln (August 2006)








