Die is(s)t nicht mehr normal!
Essstörungen in deiner Klasse

Hilfe, bin ich noch zu dick? Guck mal, hier habe ich
noch ein Speckröllchen! Mädchen häufig und Jungs seltener finden sich heute selbst dann zu dick, wenn sie schon ganz dünn sind. Ob dahinter eine Essstörung steckt und was du in einem solchen Fall tun kannst – in diesem Beitrag erfährst du mehr…
Essstörung ja oder nein?
Fall 1 : Mandy ist 15 Jahre alt und geht in die 9. Klasse eines Gymnasiums. Mandy sieht eigentlich ganz normal aus, aber sie findet sich immer zu dick. Manchmal kann man sie partout nicht zum Naschen überreden, weil sie abnehmen möchte. Dann haut sie wieder ordentlich ’rein und isst alles, auch Sachen, die dick machen.
Fall 2: Robert ist eher schmal gebaut. Das nervt ihn total ab, denn er möchte muskulös aussehen. Seit ein paar Monaten joggt er und trainiert intensiv mit Gewichten. Essen tut er auch nicht alles. Lebensmittel von denen er weiß, dass sie viel Eiweiß enthalten, sind o.k. Fett dagegen lehnt er total ab.
Fall 3: Luise ist so alt wie Mandy. Sie war früher ganz normal, nicht zu dick und nicht zu dünn. Das fanden jedenfalls ihre Freundinnen und ihre Familie. Vor einem Jahr hat sie sich in den Kopf gesetzt, fünf Kilogramm abzunehmen. Ein paar Wochen lang hat sie eine Diät gemacht. Als alle schon der Meinung waren, sie sei jetzt mehr als dünn genug, hat sie weiter gemacht. Sie konnte nicht mehr aufhören, Kalorien zu zählen und fettfreie Lebensmittel zu essen. Obwohl Luise untergewichtig ist, findet sie sich immer noch zu dick, wenn sie in den Spiegel schaut.
Mandy und Robert gehören zur Risikogruppe für eine Essstörung. Sie haben noch keine, sie könnten aber eine bekommen. Luise ist essgestört.
Wie es anfangen kann
Die meisten Menschen schlittern in die Essstörung hinein. Am Anfang steht die Unzufriedenheit mit sich selbst, mit dem eigenen Körper: Er ist zu dick, zu weich, nicht trainiert, nicht mager genug. Die Betroffenen fangen an, ihr Gewicht oder ihr Aussehen zu manipulieren. Sie machen Diäten. Sie trainieren hart. Sie erlauben sich nur noch wenige Lebensmittel. Diese strengen Auflagen an sich selbst sind gefährlich.
Wer gesund bleibt, sagt sich irgendwann: „Ach, so schlimm ist es auch wieder nicht. Eigentlich bin ich ganz o.k., so wie ich bin.“ Wer darüber krank wird, kann nicht mehr aufhören. Das Hungern, das Trainieren, das Immer-nur-gesund-essen wird zur Manie, wird zum Lebensinhalt.
Unterschiedliche Formen von Essstörungen
Man spricht von verschiedenen Essstörungsformen. Sie sind unterschiedlich gut definiert und untersucht:
Magersüchtige (Anorektiker/-innen) sind stark untergewichtig. Sie tragen oft mehrere Lagen Kleidung übereinander, damit man nicht sieht, wie dünn sie wirklich sind. Zehn bis 15 Prozent aller Magersüchtigen sterben an ihrer Magersucht.
Menschen mit Ess-Brechsucht sehen schlank oder normalgewichtig aus. Sie verschlingen heimlich große Nahrungsmengen und erbrechen sie anschließend, um die Essattacke ungeschehen zu machen. Oder sie verschwinden nach einem gemeinsamen Essen auffällig regelmäßig auf der Toilette.
Menschen mit Essanfällen (Binge Eater) sind übergewichtig. Sie verschlingen ebenfalls große Nahrungsmengen auf einmal, erbrechen sie aber nicht. Typisch für Menschen mit Essanfällen können große Gewichtsschwankungen innerhalb weniger Wochen sein.
Neuerdings spricht man auch von orthorektischen Menschen. Sie sind normalgewichtig oder sehr schlank und essen zwanghaft gesund.
Daneben gibt es Mischformen. Nicht jeder, der essgestört ist, hungert. Auch zwanghaftes, intensives Sport treiben, um sehr schlank zu bleiben oder abzunehmen, kann ein Anzeichen für eine Essstörung sein.
Das kannst du tun
Menschen, die mit sich und ihrer Figur hadern, haben es schwer genug. Du kannst etwas tun, um einer Mandy oder einem Robert in deiner Umgebung das Leben leichter zu machen.
- Lästere nicht über dicke oder pummelige Klassenkameraden.
- Sage deiner Freundin oder deinem Freund, dass du sie so toll findest, wie sie ist. Sage ihr oder ihm auch, was du an ihr gut findest.
Auch wenn Menschen mit Essstörungen es nicht zugeben, es geht ihnen nicht gut. Sie ziehen sich aus Freundschaften zurück. Ihre Gedanken kreisen zunehmend ausschließlich um ihre Ess-Sucht. Das kannst du für eine Luise in deiner Umgebung – in deiner Klasse, als Freundin, Schwester oder Bruder – tun:
Sieh den Menschen
Versuche sie oder ihn weiter als die Persönlichkeit wahrzunehmen, die sie unabhängig von ihrer Essstörung ist. Denke nicht nur an die Essstörung, wenn du mit ihr oder ihm umgehst.
- Drücke dennoch deine Wahrnehmung der Essstörung aus. Sprich darüber, dass du dir Sorgen machst.
- Ermuntere nicht zum Essen, sprich nicht über Lebensmittel. Versuche andere Themen ins Blickfeld zu rücken. Unterhaltet euch über Hobbies oder Sachen, die ihr gern mögt oder uncool findet
- Sei ein Freund. Höre zu, wenn der andere sich aussprechen möchte.
- Unternimm etwas mit deinem Freund oder deiner Freundin, das Lebensfreude vermittelt, ohne mit Essen zu tun zu haben. Geht spazieren oder ins Kino. Unternehmt etwas gemeinsam mit anderen.
Wer noch helfen kann
Experten sagen, aus einer Essstörung kommt man ohne fremde Hilfe nicht heraus. Wenn ihr enge Freunde seid: Biete an, gemeinsam zu einem Arzt oder einer Beratungsstelle zu gehen.
Wenn Euer Verhältnis eher distanziert ist, sprich einen Lehrer deines Vertrauens auf deine Wahrnehmung an. Berate mit ihm oder ihr, was du tun kannst. Wenn das Verhältnis zu dem potentiell essgestörten Mitschüler nicht so eng ist, ist es besser, er oder sie übernimmt den Part, dem Betroffenen Hilfe anzubieten.
Mehr Infos
Jede Menge Informationen über Essstörungen gibt es im Internet. Nicht jede Adresse ist seriös. Deshalb empfehlen wir eine Auswahl:
Verlässliche und sehr ausführliche Beratungsseiten hält die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) zum Thema bereit. Unter www.bzga-essstoerungen.de erfährst du alles Wissenswerte über Essstörungen. Bei der Telefon-Hotline (0221 - 89 20 31) der BzgA kannst du dich in deinem persönlichen Fall anonym beraten lassen. „Ich glaube, ein Mädchen aus meiner Klasse hat eine Essstörung. Wie soll ich mich verhalten…?“
Unter www.was-wir-essen.de gibt es verschiedene Diskussions- und Expertenforen mit Adressen und Gesprächsbeiträgen zum Thema Essstörungen.
Adressen und weitere Informationen bieten auch:
Nationale Kontakt- und Informationsstelle für Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen unter www.nakos.de
www.essstoerungen-frankfurt.de
Didaktische Medien zum Thema:
- Schlankheitsideal - Baustein für den Projektunterricht (Unterrichtsmaterial Sek I)
- Body Check (Unterrichtsmaterial Sek I)
- Food News: Diäten im Test (Unterrichtsmaterial Sek I)
- Video: Schlank, aber krank - Essstörungen (Video auf DVD)
- Bodycheck Essen & Trinken - Verdauung - Nährstoffe - Esskultur (Didaktische DVD)
- Weitere Unterrichtsmedien unter ww.aid-macht-schule.de
Spiele für den Unterricht:
Vertiefende Infos:
(Bilder: www.aid.de, www.photocase.com)
Autor:
Stephanie Wetzel, Berlin; Redaktion: Christof Meinhold, Köln (Mai 2006)







