Relaxen zum Durchstarten
Entspannungsübungen erhöhen die Lernbereitschaft
"Du bist ganz ruhig und entspannt…" Solche und ähnliche Sätze sind aus Entspannungs-Workshops wohl bekannt. Aber haben sie auch in der Schule etwas zu suchen? Untergraben sie nicht eher die Autorität im Unterricht, als dass sie die Lernbereitschaft gerade älterer Schüler fördern?
Sofort voll im Stoff? Von wegen
Wenn der Lehrer/die Lehrerin den Klassenraum betritt, erwartet oder hofft er oder sie zumindest, dass sich die Schüler automatisch dem Unterrichtsstoff zuwenden. Das ist jedoch eine voreilige Annahme, finden die Autoren des Beitrags „Stressprävention“ im Ratgeber „Stressmanagement für Lehrerinnen und Lehrer“. Kornelia Kirschner-Liss und Kollegen vertreten die These, dass die Schüler zu Beginn des Unterrichts mit ganz anderen Dingen beschäftigt sind, nämlich z. B.
- mit den Geschehnissen in der Pause davor,
- mit den Erlebnissen vom vergangenen Wochenende,
- mit Konflikten, die sie gerade in ihrem täglichen Leben begleiten.
Auch Sie selbst als Lehrender haben sich vielleicht eben noch am Kopierer beeilt, ein wichtiges Problem mit der Schulleitung geklärt oder Ihrem Kind, das heute unerwartet früh mit der Schule fertig ist, Anweisungen am Telefon erteilt.
Kommen Sie an mit den Schülern
Eine Phase des Ankommens erleichtert sowohl Ihnen als auch Ihren Schülern die Einstimmung auf den Lernstoff und aufeinander und beugt Störungen während des Unterrichts vor, mahnen Kirschner-Liss und Mitautoren.
Eine solche Phase kann z. B. bestehen aus: einer förmlichen Begrüßung der Schüler, einem festen Zeichen, das zur Ruhe mahnt, einer kurzen Fantasiereise, einer gegenseitigen Rückenmassage („Wettermassage“, passend zum jeweiligen Wetter wird vorsichtig und nur seitlich der Wirbelsäule [!] auf den Rücken geklopft oder gestrichen) oder anderen Übungen zum Ankommen und Entspannen.
Auch nach einer längeren Phase des Zuhörens und beginnender Nervosität der Schüler tragen Entspannungs- oder Aktivierungsübungen dazu bei, die Aufmerksamkeit zu erhalten.
Ältere Schüler machen nicht jede Übung mit
Ältere Schüler reagieren empfindlich, wenn sie sich in vermeintlich peinliche Situationen begeben sollen. Sie empfinden körperliche Posen vor der Klasse schnell als lächerlich. Auch körperliche Berührungen durch Mitschüler, z. B. in Form einer Kurzmassage, können von ihnen abgewehrt werden.
Sie akzeptieren die Übungen eher, wenn man ihnen erläutert, dass
- sie aus klassischen Körpertrainings wie Yoga, Tai-Chi entlehnt sind oder
- die Schüler mit Hilfe dieser Übungen bestimmte Ziele erreichen können (z. B. die Oberarmkraft stärken, Verspannungen abbauen, die Körperhaltung verbessern).
Probieren Sie aus
Einige Beispiele laden zum Ausprobieren ein:
1. Den Körper wachklopfen: Die Schüler stellen sich mit den Füßen schulterbreit hin. Der Rücken ist gerade, die Arme hängen locker herunter, die Knie sind leicht gebeugt. Die Schüler klopfen ihren Körper mit der flachen Hand aus, so stark, wie es ihnen angenehm ist. Sie beginnen mit dem Ausklopfen der linken Brustseite und des linken Arms mit Hilfe der rechten Hand und setzen das Ausklopfen so fort, wie Sie es als Lehrender anleiten möchten.
2. Das Wetter nachahmen: Die Schüler ahmen stehend am Platz das Wetter mit Ihrem Körper nach. An einem Tag mit Wind und Regen heben sie die Arme hoch über den Kopf und lassen sie wie den Regen langsam nach unten sinken („tröpfeln“). Um den Wind nachzuahmen, schwingen sie mit dem Oberkörper hin und her. Sie springen über Pfützen und laufen (am Platz) vor dem einsetzenden Regen weg. Sie als Lehrer/in beginnen das „Wetter“ anzuleiten, später springen die Schüler ein und schlagen passende Bewegungen vor.
3. Den Körper ausschütteln: Die Schüler stehen mit leicht gebeugten Beinen fest auf dem Boden. Alle Körperteile werden nacheinander ausgeschüttelt. Die Schüler können dabei auch Geräusche machen wie z. B. den Atem mit einem „Brrr“ herausdrücken.
4. Schwingen wie ein Baum: Alle stellen sich mit den Füßen schulterbreit hin, die Knie sind leicht gebeugt. Sie fordern die Schüler auf, das Gleichgewicht in alle Richtungen zu verlagern, aber nur gerade so viel, dass die Schüler mit beiden Beinen an demselben Platz stehen bleiben können.
5. Die Schultern lockern: Die Schüler wechseln vom Zehen- in den Fersenstand und umgekehrt. Die Schüler laufen weich abfedernd auf der Stelle. Die Schultern langsam nach vorn kreisen lassen, anschließend nach hinten. Die Arme hängen locker nach unten. Mit beiden Händen nach oben in die Luft greifen („Äpfel pflücken“). Langsam den Oberkörper nach unten abrollen, Arme und Schultern ausschütteln, Wirbel für Wirbel wieder aufrollen.
6. Chinesische Kopfmassage: Geht im Sitzen, die Augen sind geschlossen. Zuerst werden die Hände durch Drücken, Kneten, Dehnen angeregt. Mit den Fingerkuppen streichen sich die Schüler die Stirn von der Mitte zu den Schläfen aus. Sie legen Zeige- oder Mittelfinger an die Nasenwurzel, drücken sanft und lassen wieder los, ein paar Mal im Wechsel. Dann rutschen die Finger nach unten und drücken sanft die Nasenflügel nach innen. Die Zeigefinger streichen von der Mitte der Oberlippe zu den Jochbeinen hin aus. Dasselbe noch einmal von der Mitte der Unterlippe. Die Schüler bewegen den Unterkiefer mit der Hand hin und her. Die Handrücken werden an den Unterkiefer gelegt und streichen zu beiden Seiten hin aus. Das linke und das rechte Ohr werden nacheinander massiert, der Knochen hinter den Ohren ebenfalls. Die Schüler stellen sich vor, das gesamte Gesicht von der Nase her nach außen zu dehnen. Die Schüler reiben die Hände und legen sie dann für einen Moment auf’s Gesicht. Die Schüler bleiben einige Atemzüge lang mit geschlossenen Augen sitzen und spüren der Übung nach.
Das Lernen lässt sich auch direkt mit Bewegung verknüpfen:
7. Begriffespaziergang: Die Schüler erarbeiten sich Themen oder die Bedeutung verschiedener Begriffe. Sie heften sich den Begriff, für den sie Experte sind, an die Brust. Sie gehen im Raum umher und suchen sich einen Partner. Die Partner stellen sich ihre Begriffe vor. Dann wird auf der Suche nach einem neuen Partner weiter spaziert.
8. Vokabel-Pantomime: Im Fremdsprachenunterricht. Jeder Schüler enthält einen Bogen mit Vokabeln und ihren Übersetzungen. Die Schüler versuchen, sich die Vokabeln einzuprägen. Anschließend gehen sie im Raum umher und suchen sich Partner, sie stellen dem Partner einen der Begriffe zum Raten pantomimisch dar. Anschließend wird gewechselt.
In den Übungen sicher sein
Sie als Lehrender können die Übungen dann mit Erfolg anleiten, wenn Sie sich mit ihnen sicher fühlen. Sie sollten sie daher mehrfach vorher ausprobieren, sei es zu Hause oder in einem Kurs.
Weiterführende Informationen
- Literatur zum Thema Bewegung/Entspannung im Unterricht findet sich auf den Internetseiten von „Schule & Gesundheit“ des Bundeslandes Hessen
- Mit konzeptionellen Überlegungen zur Bewegung in der Schule befasst sich der Tagungsband (PDF 1,5 MB) der Fachtagung Schule & Gesundheit vom 6. März 2006 unter dem Motto "Ernähren, Bewegen, Entspannen im Kontext von Gesundheits- und Bildungsqualität".
- Dissertation zum Thema "Auswirkungen eines Kurzzeitprogramms mit Yogaübungen auf die Konzentrationsleistung bei Grundschulkindern" von Dr. Augenstein Online-Veröffentlichung (PDF 2,3 MB) bei der Universität-Gesamthochschule Duisburg Essen
- Die AOK Rheinland und die Ärztekammer Nordrhein skizzieren Projekte zur Bewegung und Entspannung unter: www.gesund-macht-schule.de
Weiterführende aid-Medien:
Die aid-Bewegungspyramide für Kinder
Haben Sie ein wenig Lust auf Entspannung bekommen?
Viel Erfolg beim Erproben!
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Autor:
Autorin: Stephanie Wetzel, Berlin; Redaktion: Christof Meinhold, Köln






