Kinder erziehen ihre Eltern
Wie lassen sich Eltern in die Ernährungsbildung einbeziehen?
Eltern sind oft schwer für eine Beteiligung an Schulthemen zu gewinnen. „Noch ein Termin mehr! Kann Schule das nicht alleine regeln?“, denken sie. In der Ernährungsbildung ist es sinnvoll und kann sogar Spaß machen, die Eltern teilhaben zu lassen.
„Ihr tut zu wenig. Ihr ernährt euer Kind schlecht. Euer Kind hat kein Pausenbrot dabei.“ Engagierte Lehrer ziehen in punkto Ernährung oft negativ Bilanz, wenn sie an die Ernährungsstile einiger Eltern denken. Außerdem macht es sie ratlos, dass gerade die Eltern, deren Verhalten in ihren Augen nicht optimal ist, besonders schwer mit Appellen zu erreichen sind.
Aus Elternsicht ist das Thema Ernährung auch nicht gerade angenehm. Schnell wird so etwas wie der erhobene Zeigefinger spürbar. Keiner möchte sich gerne sagen lassen, für seine Kinder nicht genug zu tun, die Kinder und ihre gesunde Entwicklung nicht genug zu unterstützen. Eine ausgewogene Ernährung im Alltag umzusetzen oder sich an Ernährungsthemen der Schule zu beteiligen, ist in den Augen der Eltern auch eine Zeitfrage: Neben zahlreichen beruflichen und/oder privaten Verpflichtungen sollen sie sich noch stärker um’s Essen ihrer Kinder kümmern? Schule hat es schwer, Eltern zu motivieren.
Nötig und sinnvoll ist der Einbezug der Eltern dennoch
1. Die Eltern sind die ersten Rollenmodelle
Eltern sind die wichtigsten Vorbilder für ihre Kinder. An ihnen orientieren sich die Kinder, was Vorlieben und insbesondere Abneigungen beim Essen und Trinken angeht. Eltern sind auch zunächst fast allein dafür verantwortlich, was den Kids überhaupt angeboten wird. Nur was das Kind kennen lernt, kann es ja auch mögen. Eltern müssen auch durchhalten können. Viele Lebensmittel akzeptieren Kinder erst, wenn sie ihnen immer wieder von ihren Vorbildern angeboten werden.
2. Kinder werden kaum am Haushalt beteiligt
Mehrere Untersuchungen bestätigen, dass Eltern ihre Kinder sehr wenig in tägliche Aufgaben, z. B. im Rahmen der Mahlzeitenvor- und -nachbereitung einbeziehen. Die Kids dürfen zwar den Müll hinunterbringen, aber einkaufen oder mit kochen – ihrem Alter angepasst – dürfen sie nicht. So wird versäumt, den Kindern frühzeitig ganz praktische Fähigkeiten rund um’s Essen zu vermitteln. Dabei könnten Kinder, die im Haushalt mit „anfassen“, auch eine Entlastung für das knappe elterliche Zeitbudget bedeuten.
3. Eltern wissen immer weniger über Ernährung und Haushaltsführung
„Trendsetter aus Inkompetenz“ hat Professor Dr. Ines Heindl, Ernährungswissenschaftlerin und -pädagogin an der Universität Flensburg, die heutige Generation vor allem der Männer und späteren Väter genannt. Männer wissen wenig „über Nahrung und Ernährung“, sie greifen verstärkt auf Fertiggerichte zurück und essen außer Haus. Frauen übernehmen diese
Verhaltensweisen, weil sie zunehmend ebenso intensiv berufstätig sind, beobachtet Heindl.
Neben dem Einflussfaktor „knappe Zeit“ sind heutige Eltern vermutlich oft gar nicht kompetent, ihren Kindern vertiefte praktische Fähigkeiten in Bezug auf die tägliche Ernährung zu vermitteln. Sie benötigen selbst Rat und Unterstützung, wenn aus frischen Lebensmitteln zubereitete Mahlzeiten einen Raum im Familienalltag bekommen sollen.
4. Gemeinsame Mahlzeiten sind wichtige Orte der Familienkommunikation
Gemeinsame Mahlzeiten erfüllen eine bedeutende soziale Funktion. Denn bei Tisch geht es beileibe nicht nur um’s Essen an sich: Es geht um das Warten auf einen gemeinsamen Beginn, um das Essen mit altersentsprechenden Tischsitten, die auch den anderen Tischgenossen Spaß machen. Kinder müssen Speisen unter den Anwesenden teilen und warten, bis der Letzte am Tisch das Essen beendet hat.
So trainieren sie ganz nebenbei zahlreiche soziale Fähigkeiten, die sie für das angenehme Zusammenleben mit anderen Menschen vorbereiten. Beim Essen kann über Dinge gesprochen werden, die die Familie bewegen oder die organisiert werden müssen. Beim Essen wird die Familie als solche von Kindern und Jugendlichen erlebt.
Wie kann Schule Eltern motivieren?
1. Beim Elternabend kommen immer nur dieselben Eltern
Ein klassischer Elternabend zum Thema Ernährung ist oft weitgehend „für die Katz“, weil die Eltern, die weniger pflichtbewusst oder engagiert beim Thema Ernährung sind, häufig gar nicht erst erscheinen. Außerdem beziehen die Eltern, die die Ernährung in den Augen der Lehrer optimieren könnten, die dort ausgesprochenen Empfehlungen nicht automatisch auf sich.
Stärker angelockt und angeregt werden alle Eltern, wenn die Schüler bei diesem Elternabend etwas selbst Hergestelltes präsentieren: ein selbst vorbereitetes Pausenbrot-Buffet oder das Ergebnis eines Projekts zum Thema Ernährung.
2. Eltern sind gern stolz auf ihre Kinder
Wirksam sind alle Maßnahmen, bei denen Eltern Produkte der Arbeit der Kinder bewundern können. Schüler führen ein Stück mit dem Arbeitstitel „Mahlzeiten in der Familie“ im Rahmen eines Schulfestes auf. Schüler stellen Bausteine (z. B. Obstspieße) für ein Schulfest-Buffet her. Schüler veranstalten eine Riech- und Schmeckbar im Rahmen einer Schulveranstaltung und bewegen ihre Eltern „zum Mitspielen“.
3. Eltern beugen sich auf Dauer dem kindlichen Druck
Für Lehrer tröstlich: Jede Unterrichtsbemühung zum Thema Ernährung wirkt sich auf die Ernährung zu Hause aus. „Dieses Getränk will ich nicht mehr, da ist zu viel Zucker drin!“ Dieser Satz hat schon einige Eltern zu Hause überrascht, wenn das Thema „In welchen Lebensmitteln/Getränken ist wie viel Zucker enthalten?“ vorher in der Schule alltagsnah behandelt wurde.
„Darf ich den Apfel-Möhren-Salat auch mal zu Hause machen?“, betteln Kinder, wenn sie dieses Gericht selbst in der Schule erfolgreich zubereitet haben.
4. Auch Eltern freuen sich, wenn sie entlastet werden
Die Arbeiten im Haushalt umfassen ja nicht nur die Mahlzeitenzubereitung. Es geht um die Speisenplanung („Wann essen wir was?“), um’s Einkaufen und Abrechnen, um’s Aufräumen und Abwaschen, um’s Putzen, Waschen, Bügeln
oder Reparieren. Diese Fähigkeiten lassen sich prima in der Schule trainieren – wenn nicht im Unterricht, dann im Rahmen einer Projektwoche. Haben Schüler das erfolgreich gelernt, werden sie es auch zu Hause präsentieren und überraschen ihre Eltern damit angenehm.
Die Eltern spüren, dass der handlungsorientierte Unterricht ihnen auch Arbeit abnimmt, und sei es bei so konkreten Arbeiten wie Tisch decken oder Wäsche zusammen legen.
Vision von einer neuen Generation
Gerade die praktische Ernährungs- und Haushaltsbildung entpuppt sich plötzlich als Unterrichtsfeld, von dem alle profitieren und das allen Spaß macht:
- den Lehrern, weil sie im Rahmen dieser Bildungsaktivitäten Kernkompetenzen wie Lesen, fehlerfrei Deutsch schreiben und Rechnen trainieren können,
- den Schülern, weil sie schnell Erfolge verbuchen, die sich ubiquitär anwenden lassen,
- den Eltern, weil sie spüren, dass Schule nicht nur fordert, sondern auch gibt, im Idealfall sogar Entlastung bei täglichen Alltagsverrichtungen.
Alle Eltern einzubeziehen, ist also oft nur indirekt möglich: Die Kinder lernen etwas, es begeistert sie, sie möchten es zu Hause anwenden, die Eltern lernen von ihren Kindern.
Auf diese Weise kann vielleicht eine neue Generation junger Erwachsener heranreifen: die der „Trendsetter aus Kompetenz“, die nicht nur beruflich erfolgreich sind, sondern auch Ernährung und Haushalt souverän managen.
Mehr Infos
Beim Netzwerk opus-nrw.de. finden sich Leitfäden zu konkreten Projekten der Elternarbeit mit dem Thema Ernährung.
Die Initiative „Plattform Ernährung und Bewegung “ stellt verschiedene Projekte zum Thema Ernährung und Bewegung vor, die als Anregung dienen können.
Auch unter www.gesund-macht-schule.de finden Sie erfolgreiche Projekte, die unter anderem die Zusammenarbeit von Schule, Schülern, Ärzten und Eltern im Bereich der gesunden Kinderernährung fördern sollen.
Weitere Anregungen für den Unterricht finden Sie in den aid-Medien:
Unter www.aid-macht-schule.de finden Sie eine Reihe von Medien, die für den Ernährungs-Unterricht verschiedener Jahrgangsstufen verwendet werden können, z. B.
aid-Unterrichtsbaustein "Food News" als Broschüre
aid-Unterrichtsbaustein "Food News" als CD-ROM
Einzelne Unterrichtsbausteine aus "Food News" als PDF
Mission Bodycheck - Teil 2: Essen & Trinken, Verdauung, Nährstoffe, Esskultur
(Didaktische DVD, Klasse 8 bis 11)
(Fotos: aid infodienst, www.photocase.com, DAK)
Autor:
Stephanie Wetzel, Berlin; Redaktion: Christof Meinhold, Köln (November 2006)







