Gesünder leben in der Schule
Mit einem extern moderierten Gesundheitszirkel die Schulernährung verbessern

„In der Pause komme ich kaum dazu, wirklich Pause zu machen. Ich habe selten Zeit für ein Pausenbrot. Das Angebot in der Schulcafeteria ist unausgewogen.“ Wenn Ernährung in der Schule gesünder für Lehrer und Schüler werden soll, können extern moderierte Gesundheitszirkel helfen.
Schüler- und Lehrergesundheit – „Könnte besser sein“
Mit der Schüler- und Lehrergesundheit steht es nicht immer zum besten. Kinder und Jugendliche bringen Ernährungs- und Bewegungsverhalten nicht in ein ausgewogenes Verhältnis. Das legen Meldungen über die zunehmende Häufigkeit von Übergewicht aller Altersgruppen nahe. Auch über die Belastungssituation der Lehrer wird geklagt: Lehrer haben häufig kaum wirkliche Pausen zwischen den Schulstunden. Sie treffen letzte Vorbereitungen für den Unterricht (sie reihen sich z. B. in die Schlange am Kopierer ein), sie sprechen mit dem Schulleiter über Probleme und sind für die Belange ihrer Schüler offen. Für ein Pausenbrot, geschweige denn eine in Ruhe eingenommene Mahlzeit bleibt kaum Zeit. Der Lehrer kann erst wieder an seine Gesundheit denken, wenn er nachmittags die Schule verlässt, oder? Schüler sollen gefälligst das Pommes frites-Sonderangebot der Schulcafeteria links liegen lassen, wenn sie schlank bleiben wollen! Oder geht es auch anders?
Verhalten und Verhältnisse bessern
Die beiden letztgenannten Beispiele zeigen, dass Schule ihr Unterstützungspotenzial für eine ausgewogene Ernährung – inklusive regelmäßiger, in Ruhe eingenommener Mahlzeiten – von Schülern und Lehrern selten ausschöpft. An das persönliche Verhalten des Einzelnen zu appellieren, ist sicher sinnvoll. Aber die Verhältnisse in der Schule könnten es Schülern und Lehrern leichter machen, sich im Verlauf eines Schultags gesundheitsförderlich zu verhalten und eine ausgewogene Ernährung zu praktizieren.
Lösungen mittels Gesundheitszirkel
Unterstützung können extern moderierte Gesundheitszirkel an Schulen bieten. „Die Begleitung durch einen externen Moderator lohnt sich“, sagt Dr. Dieter Sommer vom Berliner Zentrum für angewandte Gesundheitsförderung und Gesundheitswissenschaften (ZAGG). „Er bringt Arbeitsmethoden ein, die den Diskussionsprozess vorantreiben. Die Verantwortung für die Ergebnisse liegt aber immer bei der Schule“, fügt der Gesundheitswissenschaftler hinzu.
Solche Moderatoren werden von einigen Krankenkassen bereitgestellt oder von speziellen Projekten, die die Organisationsentwicklung und Gesundheitsförderung in Schulen zur Aufgabe haben (siehe Infos unten).
Der Moderator kommt zu regelmäßigen Sitzungen in die Schule, um das Ernährungs- und Gesundheitsverhalten gemeinsam mit allen Beteiligten unter die Lupe zu nehmen und Verbesserungen zu planen. Die Schule entwickelt ihr Gesundheitsprogramm dennoch selbstbestimmt. Sie legt fest, mit welchen Themen sie sich beschäftigen möchte und welchen Stellenwert eine ausgewogene Ernährung im künftigen Gesundheitsprogramm der Schule haben soll.
Ein beispielhafter Ablauf der Arbeit eines solchen Zirkels mit dem Schwerpunkt Ernährung veranschaulicht, was ein solcher schulischer Arbeitskreis für die Ernährungssituation von Schülern und Lehrern initiieren kann.
Schritt 1: Einige Engagierte tun sich zusammen
Ausgehend von einem oder mehreren Engagierten – das können Lehrer, schulische Mitarbeiter, die Schulleitung, Eltern oder auch eine Schüler-Abordnung sein – wird die Gründung eines Gesundheitszirkels der Schulkonferenz vorgetragen und von dieser abgesegnet.
Lehrer, Mitarbeiter und Schüler (und abhängig vom Alter der Schüler auch ein Elternvertreter) der Schule, die sich für das Thema Gesundheit interessieren, werden von diesen Initiatoren für die erste Teilnahme an einem Treffen geworben.
Bei diesem Treffen werden die Erwartungen der Teilnehmer in Bezug auf das Thema Gesundheit zusammengetragen. Soll die Ernährung an der Schule zu einem Schwerpunkt der Arbeit im Zirkel werden?
Schritt 2: Status quo-Ermittlung zu Beginn
Zur Klärung dieser Frage ist es nützlich, sich einen Überblick über den Status quo bei gesundheitsrelevanten Themen an der Schule zu verschaffen. In Bezug auf die Ernährung heißt das: Der Gesundheitszirkel informiert sich darüber, wie die praktische Ernährungsversorgung der Schüler und Lehrer an der Schule abläuft. Schüler und Lehrer geben z. B. im Rahmen einer anonymen Befragung Antworten darauf, was sie während eines Schultags essen und trinken und wie sie ihre Pause verbringen, sie bewerten das Angebot an einem ggf. vorhandenen Schulkiosk oder einer Schulcafeteria und geben an, was sie davon verzehren.
Schritt 3: Themen für die weitere Zirkelarbeit festlegen
Aufgrund der Ergebnisse legt der Arbeitskreis den Handlungsbedarf im Bezug auf die Ernährung fest. Soll Ernährung neben vielen anderen Gesundheitsbereichen (z. B. Pausenhofgestaltung, Bewegungsmöglichkeiten, Stressmanagement für Lehrer, Rauchen im Umfeld der Schule) zu einem zentralen Handlungsfeld werden?
Was heißt „gesunde Ernährung“?
Dabei ist es sinnvoll, sich vorab auf eine einheitliche Definition des Begriffs „gesunde Ernährung“ zu verständigen. Wissenschaftlich abgesicherte Empfehlungen sollten hierfür die Grundlage bilden. Sie können durch Präferenzen der Zirkelmitglieder (z. B. heißt „gesund“ für uns auch „nachhaltig“?) ergänzt werden. Zahlreiche Medien zu einer ausgewogenen Ernährung finden sich unter www.aid-macht-schule.de und www.dge.de (weitere Infos unten).
Schritt 4: Ziele des Ernährungsprojekts festlegen
Dann werden Ziele definiert: Wie soll die Ernährung an unserer Schule aussehen? Welche konkrete und praxisbewährte Unterstützung sollen die Gegebenheiten an der Schule den Schülern und Lehrern im Hinblick auf ein gesundheitsförderliches Verhalten geben?
Schritt 5: Ernährungsmaßnahmen bestimmen
Darauf aufbauend können Maßnahmen geplant werden. Beispiele sind:
Die Schüler und Lehrer werden über die Bedeutung von ausreichendem Trinken und einer ausgewogenen Ernährung für die Leistungsfähigkeit und Fitness aufgeklärt. Die Informationen können die Schüler im Unterricht vorbereiten. Oder es finden Aktionstage unter Beteiligung von Sponsoren wie z. B. einer Krankenkasse oder eines Mineralwasseranbieters (s.a. Unterrichtsbaustein www.trinken-im-unterricht.de) statt. - Eine Abordnung aus Schülern und Lehrern spricht mit dem Kioskbetreiber über eine Umgestaltung des Angebots. Bestimmte Speisen (z. B. Currywurst, Pommes frites im Sonderangebot) sollen ganz aus dem Angebot verschwinden. Der Betreiber muss seine Zustimmung geben, weil für ihn wirtschaftliche Aspekte eine zentrale Rolle spielen.
- Die Pausengestaltung an der Schule wird neu geplant. Ziel ist es,
tatsächlich Pausen ohne Hektik und auf der anderen Seite konzentrierte Besprechungszeiten für Schüler und Lehrer zu ermöglichen. - Auch die Mitarbeiter, die nicht Lehrer sind, haben ein Anrecht auf eine in Ruhe verbrachtet Pause. Sie richten sich Sprechzeiten ein oder Zeiten der Ansprechbarkeit werden rotierend auf die Mitarbeiter z. B. im Sekretariat verteilt.
- Der Arbeitskreis legt das Verpflegungsangebot für Besprechungen verbindlich fest. Kaffee und Kekse werden durch Mineralwasser und Obst ergänzt oder gar vollständig ersetzt.
- Der Arbeitskreis entwickelt Projekte, wie die Pausenverpflegung von Schülern und Lehrern optimiert werden kann.
Schritt 6: Die Unterstützung der Schulgemeinschaft absichern
Natürlich kann der Arbeitskreis Änderungen nicht im Alleingang beschließen. Die Arbeit des Gesundheitszirkels muss fortlaufend in die Schulgemeinschaft hinein getragen werden. Alle Vorschläge werden von der Schulkonferenz bzw. in Abteilungskonferenzen diskutiert und abgesegnet (oder auch modifiziert bzw. abgelehnt). Auch Projektwochen, Ausstellungen und Aktionstage sind ideale Möglichkeiten alle Beteiligte regelmäßig zu informieren.
Schritt 7: Verantwortung verteilen, Fortschritt überwachen
Der Gesundheitszirkel nimmt die Funktion eines Steuerkreises wahr. Er entwickelt erste Ideen. Für ihre Umsetzung wird ein Arbeitsplan mit Terminen und Verantwortlichkeiten festgelegt. Die Verantwortung für die Umsetzung kann an Personen innerhalb des Arbeitskreises und an andere Lehrer, Schüler und Eltern delegiert werden. Der Gesundheitszirkel kommt in regelmäßigen Abständen zusammen, um den Fortschritt der Arbeit festzustellen. Er interveniert, wenn Maßnahmen ins Stocken geraten.
Schritt 8: Erfolgs-Bilanz ziehen
Am Ende eines z. B. zweijährigen Entwicklungszeitraums zieht der Zirkel mit Hilfe einer erneuten Befragung Bilanz: Was haben wir mit unserer Arbeit erreicht? Wird bei uns „gesünder gegessen“? Werden die Pausen wirklich als solche praktiziert? Entspricht das innerschulische Verpflegungsangebot z. B. den neuen DGE-Standards zur Schulverpflegung?
„Oft können schon kleine Veränderungen dazu führen, dass sich Lehrer und Schüler an der Schule wohler fühlen oder sich gesundheitsfördernder verhalten“, berichtet Sommer.
Das können sein: Die Lehrer sind in einer festgelegten Pause für Schüler ansprechbar und können sich in anderen Pausen, z. B. für eine in Ruhe eingenommene Mahlzeit zurückziehen. Gesüßte Getränke werden aus dem Schulkioskangebot verbannt. Eine AG wurde gegründet, in der Schüler lernen, sich ausgewogene Snacks und kleine Gerichte zuzubereiten.
Ohne Engagement kein Fortschritt
Die Beschreibung dieser Beispiel-Aktivitäten zeigt: Ohne das besondere Engagement Einzelner kann ein solches Gesundheitsprojekt nicht gegründet und über Jahre verfolgt werden.
Da sich die gesündere Schule langsam entwickeln muss, gibt es keine Alternative dazu, dass einige wenige sich engagieren und alle dabei mit ins Boot holen müssen. Nur so kann es ein Projekt mit „Langlaufqualität“ werden.
Für diesen Entwicklungsprozess empfiehlt es sich einen externen Moderator hinzuzuziehen. Er unterstützt die Schule mit seinen Erfahrungen aus anderen Gesundheitsprojekten. Er sorgt für eine Struktur der Zirkeltreffen, das Einbinden aller Interessensgruppen und die Ergebnisorientierung. Er bringt spezifische Methoden aus dem Gesundheitssektor ein, die die Arbeit der Gruppenmitglieder beflügelt und die Erfolge sichert.
Förderung und weitere Informationen
- Die von der Firma Herlitz getragene Organisation „BildungsCent e. V.“ entsendet Schulcoaches an Schulen, die als Impulsgeber ein Gesundheitsprojekt begleiten. Nähere Infos unter www.bildungscent.de/schulcoach.html.
- Die Techniker Krankenkasse unterstützt Projekte zur „Gesundheitsförderung in der Schule“. Näheres zum Antragsverfahren findet sich auf www.tk-online.de-Rubrik Gesunde Schule.
- Die Berliner Landesvereinigung für Gesundheit (www.gesundheitberlin.de) bietet umfangreiche Materialien zum Thema „Gesunde Schule“. Die Beschreibung eines Beispiel-Projekts einer Berliner Grundschule zeigt, dass dies nicht nur ein Thema für die Sekudarstufe 1 + 2 ist. Unterstützt wurden diese Projekte von der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK).
- Das Zentrum für angewandte Gesundheitsförderung und Gesundheitswissenschaften (www.zagg.de) begleitet Gesundsheitszirkel für verschiedene Schulformen bundesweit.
- Die Robert Bosch-Stiftung (www.bosch-stiftung.de) hat über einen langen Zeitraum Projekte zur schulischen Gesundheitsförderung gefördert. Dabei sind zahlreiche Dokumente entstanden, diese sind in der Rubrik Förderungsprogramm "Gesunde Schule" herunterladbar.
- Die Seiten „Schule & Gesundheit“ des hessischen Kultusministeriums beschäftigen sich intensiv mit der Ernährung in der Schule: www.schuleundgesundheit.hessen.de.
- Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (www.vz-nrw.de) begleitet im Rahmen des Projekts „Schule isst gesund“ Schulen bei der Umstellung auf eine ausgewogene Ernährung.
- Im Online-Dossier Schulverpflegung von Talking Food finden sich zahlreiche Fachinformationen und Medienhinweise zu einer ausgewogenen Schulverpflegung.
- Der aid infodienst (www.aid.de) beschreibt die praktische Umsetzung einer ausgewogenen Ernährung ausführlich auf den Seiten zur aid-Ernährungspyramide und schlägt Medien für die Arbeit im Unterricht vor.
- Die Informationszentrale Deutsches Mineralwasser (IDM) hat gemeinsam mit dem aid infodienst eine Initiative ins Leben gerufen, um die Flüssigkeitsversorgung von Kindern und Jugendlichen im Unterricht zu verbessern. Ziel ist, Schulleiter und Lehrer zu überzeugen, dass sie ihren Schülern das Trinken auch während der Schulstunden erlauben. Weitere Informationen unter: www.trinken-im-unterricht.de
- Das Projekt „Schule + Essen = Note 1“ (www.schuleplusessen.de) befasst sich speziell mit der Ernährung an Schulen und stellt auf ihrer Homepage in der gleichnamigen Rubrik "Schulen und Projekte" vor.
- Qualitätsstandards für die Schulverpflegung bieten allen Beteiligten konkrete Hilfestellung für die Umsetzung eines optimalen Verpflegungsangebotes in der Schule, beispielsweise auch in Fragen zu pädagogischen und rechtlichen Rahmenbedingungen: Download-Materialien rund um die Qualitätsstandards (Rubrik "Qualitätsstandards")
Weitere Informationen finden Sie auch in den folgenden aid-Medien:
Die aid-Ernährungspyramide -Richtig essen lehren und lernen
(Unterrichtsmaterial auf CD-ROM)
Wie viel esse ich? Portionen und Portionsgrößen
(Fotoposter)
Die aid-Bewegungspyramide für Kinder
(Poster)
(Fotos: aid infodienst, www.pixelquelle.de)
Autor:
Stephanie Wetzel, Berlin; Fachliche Beratung: Maria Flothkötter, aid infodienst; Redaktion: Christof Meinhold, Köln (Oktober 2007)











