Esskultur – ein Fall für den Unterricht?
Warum Schule sich um Esskultur kümmern soll
„Die Deutschen haben keine Esskultur!“ Oder: „Die Esskultur ist vom Aussterben bedroht.“ Wenn von Esskultur die Rede ist, so geschieht das oft mit klagendem Unterton. Mit „Esskultur“ ist dann eine bestimmte „gute“ Esskultur gemeint, mit „mangelnder Esskultur“ eine aus bestimmten Gründen weniger wünschenswerte Art zu essen und zu trinken. Dabei ist „Kultur“ nach Barlösius schlicht die „(Aus-)Gestaltung der Lebensführung und der dazugehörigen Umwelt des handelnden Menschen“. Auf die Ernährung bezogen zählen dazu Nahrungsmittel oder Küchengeräte (materielle Ebene), Rezepte oder Mahlzeitenrhythmen und -ausgestaltung (immaterielle Ebene), unabhängig von der Art der Ausgestaltung.
„Menschen müssen ihre Ernährung kulturell steuern, ihnen fehlen u. a. die Instinkte, die die Nahrungsauswahl leiten“, argumentiert die Wissenschaftlerin Professor Dr. Barbara Methfessel. Nur welche Ernährungskultur ist wünschenswert? Und soll sie im Unterricht, in der Schule einen Platz finden?
Stichwort: Nahrungsmittel
Nach Auffassung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist eine bestimmte Nahrungsmittelauswahl eher in der Lage, uns gesund zu erhalten. Kinder entwickeln sich optimal, wenn sie alle Nährstoffe, die sie für das Wachstum benötigen, in eine ausgewogenen Verhältnis erhalten. Sie sind auch besser vor ernährungsmitbedingten Krankheiten, zum Beispiel Übergewicht und seinen Folgen geschützt. Unter diesen Gesichtspunkten macht es Sinn, eine sinnvolle Nahrungsmittelauswahl Kindern und Jugendlichen nahe zu bringen. Die steigenden Zahlen von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen legen nahe, dass eine ausgewogene Nahrungsmittelauswahl und damit eine bedarfsgerechte Energie- und Nährstoffzufuhr zunehmend misslingt.
Stichwort: Küchengeräte

Um Nahrungsmittel zuzubereiten, muss man selbst Hand anlegen. Oder man kauft Vorgefertigtes aus dem Supermarkt, dass man nur aufreißen oder höchstens noch im Backofen oder in der Mikrowelle erwärmen muss. Damit Kinder und Jugendliche diese Wahlmöglichkeiten haben, müssen sie mit Küchengeräten umgehen können. Tatsächlich schwinden Kenntnisse über die Selbstzubereitung in den Familienhaushalten rapide. Vorgefertigtes kommt öfter auf den Tisch, damit reduziert sich auch der häusliche Umgang mit Küchengeräten.
Stichwort: Rezepte
Rezepte sind der Grundstock, damit aus Lebensmitteln leckere
Gerichte werden. Doch auch der Umgang mit Rezepten muss gelernt werden. Wer nicht ein Minimum an Routine beim Kochen hat, tut sich mit der Selbstzubereitung an Hand von Rezepten schwer. Dabei eröffnet die Selbstzubereitung für Kinder und Jugendliche überraschende Spielräume für kreatives Gestalten. Neue und unerwartete Geschmacksrichtungen werden zum sinnlichen Erlebnis.
Stichwort: Mahlzeitenrhythmus und -gestaltung

Bereits Anfang der 1970er Jahre nehmen nur 10 Prozent der deutschen Familien alle Mahlzeiten gemeinsam ein. In den 80er und 90er Jahren setzt sich dieser Trend fort. Die gemeinsame Familienmahlzeit verlagert sich zunehmend auf’s Wochenende. In Familien findet heute mindestens eine Mahlzeit pro Woche mit allen Familienmitgliedern (Vater, Mutter, Kinder) statt. An Werktagen nimmt ein Elternteil, in der Regel die Mutter, mindestens zwei Mahlzeiten mit dem/den Kind/ern ein. Im Jugendlichen-Alter werden gemeinsame Familienmahlzeiten seltener. Zwischenmahlzeiten, allein oder mit Gleichaltrigen eingenommen, gewinnen an Bedeutung.
Mahlzeit als Ort des sozialen Lernens
Dabei dienen Mahlzeiten zu mehr als nur zur Nahrungsaufnahme. Über das gemeinsame Essen werden soziale Beziehungen gelebt. Die Tischgemeinschaft symbolisiert die Zusammengehörigkeit: „Mahlzeiten können Orte von Zuwendung und Liebe sein“. Gemeinsame Mahlzeiten sind Orte der Kommunikation: Man tauscht sich untereinander aus, nimmt Anteil am Leben des anderen, Absprachen werden getroffen. Mahlzeiten dienen dazu, Werte und Normen zu vermitteln. (zum Beispiel Benimmregeln, nicht nur, aber auch). Wenn nun Mahlzeiten immer seltener in der Familie eingenommen werden, fällt dieser Ort des sozialen Lernens zunehmend aus der Familie heraus.
Schule als Zubereitungs- und Mahlzeiten-Ort
In der Schule soll man für das Leben lernen, nicht wahr? Ernährungs- und Gesundheitsbildung sind essenzielle Lernfelder, insbesondere wenn Ernährungs- und Gesundheitskompetenzen zunehmend nicht oder nicht kompetent in Familien vermittelt werden.
Über den praktischen Umgang mit Ernährung und Gesundheit im Unterricht und in der Schule werden ganz nebenbei zahlreiche soziale Kompetenzen geschult: gemeinsam planen und entscheiden, auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht nehmen, mit einem finanziellen Budget auskommen, etwas gemeinsam erarbeiten oder herstellen, sich für ein gutes gemeinsames Ergebnis einsetzen, einen angenehmen Rahmen für die Gemeinschaft schaffen (attraktive Tischgestaltung), ein Projekt zuende führen, sich nicht vor lästigen Arbeiten drücken (abwaschen, aufräumen).
Für den Unterricht und in der Schule eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten, mit Ernährung umzugehen und so eine sinnvolle Ernährungskultur zu schaffen.
Weitere Infos:
Die konkreten Empfehlungen zur Lebensmittelauswahl und zu einer ausgewogenen Nährstoffzufuhr finden Sie auf folgenden Internetseiten:
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: www.dge.de
- Forschungsinstitut für Kinderernährung: www.fke-do.de.
Zur didaktischen Vermittlung einer sinnvollen Ernährungskultur bietet der aid infodienst zahlreiche Informationen unter www.aid.de oder www.was-wir-essen.de an und Medien unter www.aid-macht-schule.de
Leckere Anregungen zum Nachkochen bieten die abwechslungsreichen Rezepte von Talking Food.
Medien:
Weitere Anregungen für Ihren Unterricht finden Sie in den aid-Medien:
FOOD News: Esskulturen / Frühstück
(Unterrichtsmaterial, Klasse 7 bis 10)
Mission Bodycheck - Teil 2: Essen & Trinken, Verdauung, Nährstoffe, Esskultur
(Didaktische DVD, Klasse 8 bis 11)
Optimix - Empfehlungen für die Ernährung von Kindern und Jugendlichen
(Heft)
Weitere Lehrer-Special zum Thema
- "Jugendliche wollen nur Fast Food, oder?"
- Riechen, Schmecken, Sehen, Hören, Tasten: Essen mit allen Sinnen
- Warum essen Mädchen Salat und Jungen Fleisch?
(Bildquellen: aid, www.trinken-im-unterricht.de, www.photocase.de)
Autor:
Stephanie Wetzel, Berlin; Redaktion: Christof Meinhold, Köln (Juli 2005)








