"Jugendliche wollen nur Fast Food, oder?"
Jugendlichen Appetit auf gesunde Ernährung machen
Jugendliche stehen auf Fast Food. Und sie geben an, sich nicht für „gesundes Essen“ zu interessieren. Wie man sie dennoch für das Thema Ernährung begeistern kann, zeigen erfolgreiche Praxisbeispiele.
MOTIVATIONEN
1. Jugendliche wollen schön sein
Der Ort: das Ausbildungszentrum eines großen Technik-Konzerns. Die Personen: eine Gruppe von Auszubildenden im Alter von 16 bis 18 Jahren. Das Thema: „Gesunde Ernährung“. „Ich esse sowieso, was mir schmeckt“, sagen die jungen Männer. „Können Sie mir sagen, wie man zunehmen kann?“, fragt einer. Die Mädchen sagen zunächst nichts. Schließlich fordern sie: „Ich will wissen, was wenige Kalorien hat.“ Und setzen nach: „Was kann man essen, ohne dick zu werden?“ Jugendliche, Mädchen wie Jungen, wollen attraktiv sein. Attraktivität wird von ihnen geschlechtsspezifisch definiert. Mädchen definieren sich über’s Schlank sein, weiblich aussehen. Die jungen Männer wollen normalgewichtig sein. Sie wollen dabei aber männlich muskulös und nicht dünn und kraftlos wirken. Eine Beratung, die diese Motivationen aufgreift, finden sie interessant.
2. Jugendliche inszenieren (sich) gern
„Jugendliche haben sehr viel Spaß am sich Verkleiden, Kostümieren. Sie sind Meister im Dekorieren und bereiten gern Parties unter verschiedenen Motti vor“, berichtet Reinhard Mann, Referatsleiter „Prävention ernährungsbedingter Krankheiten“ bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln. Die BZgA nutzt diese Vorliebe für’s Gestalten im Rahmen von Aktionen des GUT DRAUF-Projekts (www.gutdrauf.net). „Gesunde Ernährung“ wird dabei handlungsorientiert vermittelt.
3. Jugendliche tun gern etwas mit Jugendlichen
Jugendliche tun gern etwas mit ihresgleichen. „Erwachsene sollten sich in dieser Altersgruppe lieber heraushalten“, rät Mann. Jugendliche sind am liebsten mit Menschen ungefähr ihrer Altersgruppe zusammen. Davon profitieren Aktionen, bei denen Jugendliche anderen Jugendlichen etwas zeigen. Oder bei denen Jugendliche eine Idee gemeinsam entwickeln und umsetzen.
4.Menschen tun gern etwas Praktisches zusammen
Menschen entspannen sich, bekommen Spaß, wenn sie etwas Praktisches zusammen tun. Profis, die mit anderen Menschen kochen und essen, berichten immer wieder, mit wie viel Spaß Menschen allen Alters an das gemeinsame Kochen herangehen. Teams finden sich problemlos zusammen. Beim Kochen stellt sich eine positive Stimmung ein. Soziale Fähigkeiten wie sich gegenseitig zu unterstützen, gemeinsam eine Aufgabe zu lösen, auch unangenehme Aufgaben gemeinsam zu bewältigen, werden aktiviert und verstärkt.
5. Menschen essen gern gemeinsam
Fragt man Menschen, was ihnen beim Essen das Wichtigste ist, antwortet die überwältigende Mehrheit: der Genuss, der gute Geschmack. Menschen scheinen von Natur aus Genießer zu sein. Über den guten Geschmack wird die Liebe zu Lebensmitteln geweckt. Gespräche über’s Essen, über das Gute (den Genuss) und das Schlechte (unerwünschte Kalorien, Schadstoffe) entspinnen sich ganz von selbst. Menschen essen besonders gern in Gesellschaft. Das Essen in Gesellschaft ist auch im Alltag der Jugendlichen keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein als besonders positiv wahrgenommenes Ereignis.
6. Jugendliche orientieren sich an Medien
Jugendliche nutzen Medien intensiv. Bestimmte Figuren in Medien finden sie sympathisch. Auch Fernsehköche sind Sympathieträger in Medien. Rezepte dieser Ernährungs-Promis werden mit besonderer Aufmerksamkeit wahrgenommen. Diese Erfahrung machte Rolf Hoppe, Geschäftsführer eines Berliner Catering-Unternehmens, als er Ende 2005 Rezepte des britischen Fernsehkochs Jamie Oliver an Schulen anbot und von den Schülern bewerten ließ (www.luna.de).
PROJEKTE
Das Projekt „Korrekt Kochen!“ von POWERBREAK e. V.
Jugendliche lernen von Jugendlichen. Mit dem „Peer Group Education Ansatz“ punktet das Projekt „Korrekt kochen!“ des Vereins POWERBREAK e. V. bei Jugendlichen. Ebenfalls jugendliche oder gerade erwachsene Schülerinnen und Schüler einer Berufsfachschule unterrichten Jugendliche einen Tag lang zum Thema Ernährung. Die Lehrkräfte der Berufsfachschule bereiten den Tag mit ihren Schülern vor, am Tag selbst wirken sie lediglich als zurückhaltende Unterstützer.
In kleinen Teams vermitteln die jugendlichen „Lehrkräfte“ in fünf Stunden Wissen über ausgewogene Ernährung und eine genussvolle Esskultur, die
Verdauung der Nahrung und Hygiene und Sicherheit in der Küche. Zum Abschluss des Tages wird gemeinsam gekocht und an einem schön gedeckten Tisch gemeinsam gegessen. Beide Jugendlichen- Gruppen, sowohl die Berufsfachschüler, als auch die „normalen“ Schüler sind am Veranstaltungstag mit Feuereifer dabei. Beide Gruppen lernen viel voneinander, die Berufsfachschüler vertiefen ihr Wissen durch das Weitergeben“, betont die Leiterin des Frankfurter Projekts, Dr. Cornelia Morgenstern. Dieses Projekt sucht bundesweit „Nachahmer“ und gibt Unterstützung dabei. Nähere Informationen sind unter www.powerbreak.de erhältlich.
Das Projekt „GUT DRAUF“ der BZgA
„Wissen schadet nicht, ist aber selten verhaltensbeeinflussend“, sagt der Gesundheitsförderungs-Experte Mann. „Ernährung muss man tun!“, lautet das Motto der von der BZgA angeleiteten Aktionen. Im Rahmen des GUT DRAUF-Projekts kommen Jugendliche mit dem
Thema Ernährung Spaß-betont in Kontakt: Sie kochen gemeinsam, gestalten Buffets, richten Themen-Parties aus und gehen spielerisch mit einem breiten Spektrum an Lebensmitteln, darunter auch solche mit einem wünschenswerten Nährstoffprofil wie Gemüse und Obst, um. Ein Baustein sind die „Koch-Charts“, eine Fernsehsendung auf dem Kinderkanal KI . KA, in der Jugendliche zusammen kochen und flirten.
Das Projekt GUT DRAUF schult Multiplikatoren, die in ihrem Alltag bereits mit Jugendlichen arbeiten, zu den Themen Ernährung, Bewegung und Stressregulation. Die Sozialarbeiter und Pädagogen bekommen ein Maßnahmenpaket an die Hand, dass sie variabel in ihrer täglichen Arbeit mit Jugendlichen einsetzen können. Einige ernährungsbezogene Spiele und Aktionen sind unter www.gutdrauf.net – Rubrik Praxis einsehbar.
„Food & more“ – Jugendliche kochen für Jugendliche
Einmal am Tag eine warme Mahlzeit auf dem Tisch! Unter diesem Motto kochen fünf bis sechs Jugendliche im Jugendclub Heimfeld in Hamburg-Harburg dreimal wöchentlich für sich und circa zehn weitere Jugendliche eine warme Mahlzeit. Vom Einkauf über die Zubereitung bis zu den unangenehmen Nacharbeiten müssen die Jugendlichen alles selbst tun. Das Projekt richtet sich an sozial benachteiligte männliche Jugendliche, zum Teil mit Migrationshintergrund. Das gemeinsame Kochen wirke integrativ auf die Jugendlichen, berichten die Organisatoren. Nähere Informationen liefert die Hamburgische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e. V. (www.hag-gesundheit.de).
Weitere Infos
Der aid bietet zahlreiche Medien zum Thema Ernährungskommunikation, zum Beispiel:
aid-Tagungsband "Ernährungskommunikation: Neue Wege - neue Chancen?"
Weiterführende Links
Weitere Anregungen für Ihren Unterricht finden Sie auf www.aid-macht-schule.de und in aid-Medien wie:
aid-Unterrichtsbaustein "Food News" als Broschüre
aid-Unterrichtsbaustein "Food News" als CD-ROM
Einzelne Unterrichtsbausteine aus "Food News" als PDF
Mission Bodycheck - Teil 2: Essen & Trinken, Verdauung, Nährstoffe, Esskultur
(Didaktische DVD, Klasse 8 bis 11)
Weitere Lehrer-Special zum Thema
- Esskultur – ein Fall für den Unterricht?
- Riechen, Schmecken, Sehen, Hören, Tasten: Essen mit allen Sinnen
- Warum essen Mädchen Salat und Jungen Fleisch?
(Bilder: aid infodienst, DAK, www.photocase.com, www.powerbreak.de, www.gutdrauf.net)
Autor:
Stephanie Wetzel, Berlin; Redaktion: Christof Meinhold, Köln (August 2006)









